Der Penholder ist tot, es lebe der Penholder

  • Wang Hao spielt, wie nur er spielen kann. Er nützt mit der Vorhand die Penholder-Vorteile, kann aber auch mit der Rückhand Druck aufbauen.
    foto: epa/thissen

    Wang Hao spielt, wie nur er spielen kann. Er nützt mit der Vorhand die Penholder-Vorteile, kann aber auch mit der Rückhand Druck aufbauen.

  • Dimitrij Ovtcharov spielt, wie man in Europa seit langem zu spielen pflegt. Shakehand heißt das im Fachjargon.
    foto: epa/thissen

    Dimitrij Ovtcharov spielt, wie man in Europa seit langem zu spielen pflegt. Shakehand heißt das im Fachjargon.

In London zeigt sich: Die Spielweise, mit der Asien im Tischtennis früher so erfolgreich war, hat ausgedient. China hat Europa kopiert und von Penholder auf Shakehand umgestellt. Wang Hao ist die Ausnahme, er schafft es, die Rückhand nicht mehr herzuschenken

Vier Tische nebeneinander, acht Namen also auf der Anzeigetafel. Wir befinden uns im ExCel Center im äußersten Londoner Osten, einem Ausstellungs- und Konferenzzentrum, aber hallo. Für Olympia haben sie es in fünf Hallen geteilt, eine heißt North Arena 1, da spielt sich Tischtennis ab. Unter den Namen auf der Anzeigetafel sind viele chinesische, das kann auch bedeuten, dass ein Pole, eine Kroatin, ein Türke oder eine Italienerin im Einsatz sind. Viele gebürtige Chinesinnen und Chinesen, die daheim keine Chance auf internationale Einsätze sahen, treten für andere Länder an. Etwa ein Drittel der Olympiateilnehmer ist chinesischer Herkunft.

Was man allerdings kaum noch sieht, ist der klassische Penholder, die früher so typische Griffhaltung der Asiaten. Wobei man ursprünglich noch den chinesischen und den japanischen Penholder unterschied, aber das würde jetzt zu weit führen. Die gängige Shakehand hat längst überhandgenommen, und die Chinesen haben (ausnahmsweise) die Europäer kopiert, weil sie mit dem Penholder immer mehr ins Hintertreffen gerieten. Die ersten Penholder-Weltmeister waren noch aus Europa gekommen, Roland Jacobi (1926) und Zoltan Mechlovits (1927, 28), zwei Ungarn. Doch nach dem Krieg dominierten Chinas Penholder-Spieler lange Zeit nach Belieben.

Verdecktes Service, der Belag und die Reichweite

Beim klassischen Penholder wird der Ball nur mit einer Schlägerseite, der Vorhand, gespielt. Das hatte früher mehr Vorteile denn heute. Als noch verdecktes Servieren erlaubt war, waren Penholder-Spieler beim Aufschlag für ihre Gegner fast nicht ausrechenbar. Geblieben ist ihnen eine größere Flexibilität im Handgelenk und eine etwas geringere Reaktionszeit, weil sie nicht von der Vor- auf die Rückhand wechseln müssen, sondern zu jeder Zeit wissen, wie sie den nächsten Ball spielen. Der Penholder-Schläger ist insgesamt deutlich leichter, schließlich spart man sich den Belag auf einer Seite. Das macht schon etwas aus bei einem Holzgewicht von 80 bis 100 Gramm und einem (einseitigen) Belagsgewicht von 60 bis 80 Gramm. Der große Nachteil liegt auf der Hand, nämlich auf der Rückhand - geringere Reichweite, kein Druckaufbau möglich.

Unter den 140 Aktiven bei Olympia finden sich keine zehn, die noch Penholder spielen. Die in Peking geborene Österreicherin Liu Jia, genannt Susi, ist darob nicht rasend überrascht. "Man hat vor zwanzig Jahren schon gesehen, dass der Penholder aussterben wird. Wer nur mit einer Seite spielt, schenkt etwas her. Europäer hatten einfach mehr Power, China musste reagieren." Von der Reaktion war auch Liu Jia selbst betroffen, die auf Anraten ihres Trainers nach vier Penholder-Saisonen als Zehnjährige auf Shakehand umstellte. "Sonst hätte ich keine Chance gehabt." So wurde die 30-Jährige, die seit 15 Jahren in Österreich lebt, Europameisterin. In London hofft sie nach einem frühen Einzel-Out auf den Teambewerb.

Ding Yi, He Zhiwen

Werner Schlager, dem Weltmeister 2003, fallen auf Anhieb nur zwei klassische Penholder-Spieler ein - Ding Yi (53) natürlich, der erste Austro-Chinese, der immer noch Staatsliga spielt, und He Zhiwen, der als bereits 50-Jähriger in London für Spanien antritt. "Aber es gibt nicht nur den klassischen, sondern auch einen modernen Penholder", sagt Schlager. Um dessen herausragenden Vertreter zu nennen, muss er nicht lange nachdenken. Wang Hao, der solo zweimal Olympia-Zweiter war, hatte Schlager in Runde drei aus dem Olympia-Turnier verabschiedet.

Der Chinese spielt heute, Donnerstag, gegen Chuang Chih-Yuan aus Taipeh um einen Finalplatz, das zweite Semifinale bestreiten sein topgesetzter Landsmann Zhang Jike und der Deutsche Dimitrij Ovtcharov. Was Wang Hao anders macht? Er spielt den Penholder nur auf der Vorhandseite und dazu eine klassische Rückhand, mit der er sehr wohl Topspin-mäßig Druck aufbauen kann. Das Verbot aggressiver Mittel zum Kleben der Beläge half ihm, es hat den Sport verlangsamt. Eine weitere Entschleunigung ab 2014 ist geplant, der Zelluloidball dürfte durch einen Plastikball ersetzt werden. Zelluloid ist brennbar, und bei der Herstellung in China soll es wiederholt zu Unfällen gekommen sein.

Werner Schlager hält den Wang-Hao-Penholder für zukunftsträchtig. "Er vereint die Vorteile des Penholders und der Shakehand." Die Anforderungen an den Spieler sind allerdings hoch, und es fragt sich, ob ihnen nicht bloß echte Ausnahmekönner gewachsen sind. "Vielleicht wird Wang Hao bei den Spielen 2016 der Letzte sein, der Penholder spielt", sagt Schlager. "Aber über kurz oder lang werden Junge nachkommen, die ihm nacheifern." Und das wäre doch auch einmal etwas, wenn Chinesen einen Chinesen kopieren. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 2.8.2012)

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Ich persönlich bewundere jeden, der Penholder spielt.

Aber außer einem (Halb-)Japaner bin ich noch nie jemand begegnet, der diesen Irrsinn tatsächlich einigermaßen beherrscht. Und spätetstens bei einer guten Cross-Rückhand weiß jeder auch warum das so ist.

Meine kleine Theorie: Das europäische Tischtennis wurde immer stark vom Tennis beeinflußt, was in Ostasien lange nicht der Fall war.

Deswegen erst in den neunziger Jahren die "Kulturrevolution". ;-)

geniale Fotoauswahl

Wang Hao ohne Schläger zu zeigen und ihm dann als Penholderspieler zu kommentieren. Das kann sich doch keiner ohne Vorwissen vorstellen, was hier gemeint ist - da wäre das folgende Bild schon eher geignet: http://0.tqn.com/d/tablete... angHao.jpg

was soll heißen: "die Chinesen haben (ausnahmsweise) die Europäer kopiert"

Fast alle olympischen Sportarten kommen aus Europa - inklusive Tischtennis;
das Regelwerk der olympischen Spiele und fast aller Einzelsportarten wurde in Europa entwickelt;
die olympische Idee kommt aus Europa;
der gesamte moderne Wettkampfsport entstand in Europa;

und der schreibt "ausnahmsweise".

sie wissen schon was Humor ist, oder?

und dass sich selbst ein Redakteur hin und wieder einen erlauben darf...

wenn es Humor war,

war es gut versteckt.

Wichtig ist aber natürlich aber auch nicht...

sie meinen weil kein smiley dabei war?

ach was deutet denn darauf hin,

dass das humorvoll gemeint war?

ich denke es war österreichischer/ europäischer Minderwertigkeitskomplex

die allgemein bekannte Tatsache, das die Chinesen gerne unsere Technik kopieren?

beim Tischtennis?

gut - sinnlose Diskussion

man kann ruhig auch breiter angelegt denken...

und ausser ihnen haben die meisten den Witz ja auch verstanden.

mfg

also, dass ausgerechnet

sie "breit angelegt denken" glaube ich nicht.

im Übrigen werden sie feststellen, dass ihre Aussage nicht stimmt, wenn sie alle Reaktionen auf mein Posting lesen.

offenbar breiter als sie

ich habe ja den Witz verstanden...

zu den Antowrten: ich zaehle 6, 4 meinen es ware ein Witz gewesen, einer laesst es offen und der letzte hat es auch nicht verstanden. somit steht es 4:2

im uebrigen dachte ich, diese Diskussion waere sinnlos, dabei ist es doch ganz einfach, der Autor hat einen Witz gemacht und sie haben ihn nicht verstanden.

mfg

die Diskussion ist sinnlos

aber sie ärgern mich

hahaha

ich weiss...

Man sollte halt nicht eine Diskussion fortführen, wenn man schon weiss dass man falsch liegt... Da muss man das eigene Ego halt mal hinten anstellen, ist nicht so leicht ich weiss aber sehr hilfeich, denn je früher man sich seine Fehler eingestehen kann, desto besser für das eigene Wohlbefinden.

mfg

ja, wenn sie denn sinnerfassend lesen könnten...

aber leider, da ihnen diese Fertigkeit wohl für immer verwehrt sein wird, werden sie auch die bahnbrachende Frage, "war es ernst gemeint oder Ironie", leider nie lösen können ;)

Fand ich auch witzig!

Fast so witzig wie "Die Chinesen kopieren ausnahmsweise europ. Pkws" oder "Die Chinesen stehlen ausnahmsweise europ. Technologie" oder "Die Chinsen stellen ausnahmsweise Raubkopien europ. CDs her"

Die Sportjournalisten des Standard meinen immer noch, ironisch formulieren zu muessen, weil sie glauben, damit intellektueller zu wirken.

In China würde es ohne uns Europäer keinen Wettkampfsport geben. Zum Glück haben wir's ihnen gebracht!

ich glaub, dass war ironisch gemeint ;)
da ja sonst auch alles kopiert wird (Technik etc..)

denke "ausnahmsweise" ist der absoluten überlegenheit der chinesen geschuldet...

Ganz kapier ich den Sinn Penholder mit klassisch zu vermichen nicht. D.h. ich wehcsle ständig die Schlägerhaltung, oder? Dann gehen doch die Vorteile des Penholder verloren?

Er greift nicht um.

Im klassischen Penholder wird statt Rückhand nur mit der Vorhand geblockt (http://tinyurl.com/cweq45k, http://tinyurl.com/d57pk65, http://tinyurl.com/blcayyp). Der Daumen der Griffhand ist oben, die Handfläche zeigt zum Spieler.

Im modernen Penholder wird wirklich mit der anderen Schlägerseite Rückhand gespielt (http://tinyurl.com/4mdah7, http://tinyurl.com/cj659s2); der Daumen der Griffhand ist unten, die Handfläche zeigt zum Gegner.

Und jetzt noch, warum das schwer ist: Im Idealfall bewegt sich dein Schlägerblatt beim Topspin ungefähr so: http://tinyurl.com/bvgd95s. Bei der Penholderrückhand beschreibt die Hand aber unwillkürlich eine Art Bogen nach unten (schnapp dir einen Stift und probiers aus).

Ah danke! Schätze, wenn ich mit dem Penholder Rückhand spielen müsste, wäre mein Hand bald in Gips ruhiggestellt' ;-)

ich glaube

es ist gemeint, dass sie auch mit der Rückhandseite spielen ohne groß umzugreifen. Das wäre viel zu langsam.

Frage wegen der Sache mit dem Belag auf der anderen Seite: Wird beim Penholder Spiel nicht auch eine Topspin Rückhand mit der zweiten Seite verwendet?

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