Gore Vidal 86-jährig gestorben

Als geistreicher Spötter trat der US-Autor ebenso hervor wie als Historiker und als Kritiker imperialen Machtgehabes: Gore Vidal schrieb nicht nur 24 Romane. Er war der Feind jeder Form von Borniertheit

Los Angeles - Sein leiblicher Vater war Luftfahrtminister im Kabinett Franklin D. Roosevelts. Seine Mutter, eine bezaubernde Schauspielerin, lebte in zweiter Ehe mit einem vermögenden Bankier, der durch Wiederverheiratung zum Stiefvater von Jacqueline Onassis wurde.

Eugene Luther Vidal jr., der sich später nach seinem verehrten Senatoren-Großvater "Gore" nannte, kannte das US-amerikanische Establishment aus unmittelbarer Anschauung. Ehrfurcht vermochte ihm seine Westpoint-Herkunft keine einzuflößen. Kein anderer goss mehr Gift und Galle über die Fassadenkultur der Schönen und Mächtigen aus. Kein anderer US-Autor war, von Ausnahmen wie dem Linguisten Noam Chomsky abgesehen, unversöhnlicher im Umgang mit dem "Imperium" der Vereinigten Staaten.

In den 1960ern fand man Vidal auf demokratischen Kandidatenlisten, für seinen Freund John F. Kennedy schrieb er Reden. Die Wurzel allen Übels grub dieser prächtige Zyniker und hinreißende Fabulierer aus gleichsam geheiligtem Boden: Roosevelt hätte die Katastrophe von Pearl Harbour 1941 zumindest billigend in Kauf genommen. Die Truman-Doktrin stampfte Vidal in den Boden, und ein Präsident wie Ronald Reagan galt ihm bloß als ein Werbeträger von General Motors.

Vidal war der denkbar unbequemste Patriot, den sich Amerika hatte erhoffen dürfen. Aus der unerschöpflichen Werkstatt dieses Liberalen stammten historisch unterfütterte Romane und mit leichter Hand hingeworfene Hollywood-Drehbücher ("Ben Hur"). Er schrieb mit "Geschlossener Kreis" (1948) aber auch ein Schlüsselwerk der Homosexuellen-Literatur.

Vidals Bücher, von konservativen Kreisen jahrzehntelang ignoriert und verleumdet, schlagen eine bedeutsame Brücke: Sie führen das Erbe der "linken" US-Kultur hinüber in die Ära der Kommunistenhetzer. Sie bedienen sich semifiktionaler Mittel und nennen die Dinge dennoch unverblümt beim Namen. Man denke an den Roman "Myra Breckinridge" (1968), in dem ein Homosexueller nach erfolgter Geschlechtsumwandlung eine Schauspielschule in Hollywood besucht.

Vidal entzog sich der Beengung durch die amerikanischen Verhältnisse und siedelte sich zeitweise in Italien an. Der Homosexuelle schämte sich keineswegs seiner Liebschaften mit Frauen.

Auf seinen Widerspruchsgeist konnte man bis ins hohe Alter zählen. George W. Bush galt ihm - im Vergleich zu George Washington - als Widerlegung Darwins. Jetzt ist der illusionslose Chronist Amerikas in seinem Haus in Los Angeles 86-jährig an einer Lungenentzündung gestorben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.8.2012)

Siehe auch: Agenturmeldung zur Nachlese

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1 Posting
er und viele russen...

...haben mir das lesen so richtig schmackhaft gemacht, er war mein tor zu der amerikanischen hochschule der erzählkunst. in dem sinne werde ich ihn auch nicht vermissen, weil sein erbe bereits lange ein teil von mir ist.

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