Im Schlund des Höllenhunds

1. August 2012, 17:58
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Wohin führt der Weg der Menschen nach dem Tod? Die Ausstellung "Einmal Unterwelt und zurück" widmet sich Jenseitsvorstellungen der Antike, des Christen- und Judentums: fantastische alte Meister, verzichtbare Gegenwartskunst.

Salzburg - Der Blick auf die armen Seelen, die ohne Hoffnung auf Erlösung in die Tiefen der Hölle stürzen - diese unerklärliche Faszination für das Grauen wird oft mit Genickstarre bestraft. Denn die abscheulichen Szenen, die gequälten und sich windenden Leiber sind meist Teil christlicher Weltgerichtstriptychen und als solche halsverrenkend hoch oben in sakralen Bauten zu finden.

Meistens. Denn auf nur 47 mal 32 Zentimetern Eichenholz hat der Niederländer Frans Francken II. Anfang des 17. Jahrhunderts das Entsetzliche des Höllensturzes komprimiert. In Franckens "Verdammnis" aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum gibt es kein Oben und Unten mehr, sondern nur einen undurchdringlichen und von giftig-braunem Rauch umwölkten Wust gepeinigter Körper: von Ketten gefesselt, von Drachen verschlungen, von Teufeln verschleppt oder von zähnefletschenden Ungeheuern mit Haken malträtiert.

Und inmitten des Albtraums doch Perspektive: ein lichtes Loch. Auch dieses bietet jedoch keinen Hoffnungsschimmer. Die verlorenen Seelen werden durch eine surreale Landschaft Richtung Hölle getrieben. Ein großartiges Gemälde, das die Fantasie von Hieronymus Bosch mit der Figurenauffassung Michelangelos vereint.

Es sind Bilder wie diese, die die Zeit in der Ausstellung "Einmal Unterwelt und zurück. Die Erfindung des Jenseits" in der Salzburger Residenzgalerie vergessen machen. Die Schau, die im alten Ägypten und der römischen Antike ansetzt, erzählt von Jenseitsvorstellungen und den Pforten, die Zutritt zum Reich der Toten gewähren. Zugänge, die nur mit List zu finden und mit heldenhaftem Mut zu überwinden sind.

Thema ist auch die Kanalisation als Bild des Jenseitigen und der kriminellen Unterwelt, wie sie in "Der dritte Mann" beschworen wird oder vom Wiener Journalisten Emil Kläger bei seinen Strottgängen beschrieben werden. Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" weitet dies in den Bereich des Abenteuers und des Fantastischen aus.

Es geht um die Antike, christliche Höllenvorstellungen, Weltenwechsler wie Orpheus und Herkules, um Seelenbegleiter wie Hermes und auch um die Besonderheiten der jüdischen Tradition.

Wie ein Urknall visualisiert Athanasius Kirchner den "Mundus subterranus" 1665. Christoph Lederwasch blickt Ende des 17. Jahrhunderts tief in den Schlund des Höllenhundes. Roelant Savery breitet den Schrecken des Hades ("Orpheus in der Unterwelt") um 1610 wie ein Buch aus. Es sind funkelnde barocke Beispiele, die den Gegenwartsexkurs eigentlich obsolet machen.

Denn bis auf wenige Ausnahmen, etwa die Arbeiten von Hans Schabus oder Giovanni Castell, sind die Ausflüge in die Gegenwart verzichtbar. Bernd Wagner vergleicht die Reisen der Religionen ins Jenseits mit einem Buslinienplan. Die budhhistischen Vehikel können freilich in seinem "Ewigkeitsverkehr" nichts anderes als Ringlinien sein. Eine Idee, ebenso originell wie witzig. Sie ist jedoch im Kontext einer Kunstausstellung deplatziert. Diese anschauliche Installation würde, so hart es auch klingt, in der Religionspädagogik wesentlich mehr Sinn machen.

Allzu vordergründig und pathetisch ist die Symbolik von Form oder Material anderer Arbeiten. Jan Fabre bastelt aus menschlichen und tierischen Knochensegmenten eine Engelssilhouette. Javier Perrez zeigt einen Körper in Transformation zum Skelett. Fabrizio Plessi illuminiert das Rot glühenden Magmas auf Lavastein. Bernardi Roigs moderner Lichtträger bringt nicht Erlösung, sondern Leuchtstoffröhren.

Insgesamt acht und damit unverhältnismäßig viele Leihgaben aus der Salzburger Galerie Mauroner verzeichnet die Ausstellung. Und selbst die Arbeit von Carlos Aires aus privater Sammlung ist von einem Künstler aus dem Portfolio dieser Galerie: ein vergoldeter Schmerzensmann vor einer mit Messern gespickten Wand.

Symptomatisch

Was dieses Missverhältnis erkennen lässt - und das ist nicht nur in Salzburgs Residenzgalerie so, sondern kommt dort nur besonders deutlich zur Ausprägung - ist, dass es für die zeitgenössischen Schnörkel einer solchen Schau an Budget fehlt: Budget für einen zusätzlichen, auf Gegenwartskunst spezialisierten Kurator oder Budget für Leihgaben jenseits der Gegengeschäfte mit anderen Häusern wie Lentos, Albertina oder Museum der Moderne.

So hilft man sich mit leicht zu bekommenden Leihgaben lokaler Galeristen. Die sehen die Arbeiten ihrer Künstler wiederum durch museale Präsentationen geadelt und bestätigt. So entsteht ein fataler, verfälschender Kreislauf zwischen Museum und Markt. Was nicht entsteht, ist ein in Bezug auf die Ausstellung rundes, dem Thema angemessenes Bild.

Über diesen Zustand sollten sich die Verantwortlichen der Kulturpolitik auch endlich einmal klar werden. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 2.8.2012)

 Bis 4. 11. 

  • Frans Francken beweist hier die gleiche diabolische Fantasie wie Höllenmaler Hieronymus Bosch: "Höllensturz der Verdammten".
    foto: kunsthistorisches museum wien

    Frans Francken beweist hier die gleiche diabolische Fantasie wie Höllenmaler Hieronymus Bosch: "Höllensturz der Verdammten".

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