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(An den Wänden gestickte Sinnsprüche: "Religion ist das Opium des Volks", "Gott ist tot" usw. Im Herrgottswinkel eine von Kinderhand gefertigte Nachbildung von Martin Kippenbergers gekreuzigtem Frosch. Um den Frühstückstisch Familie Atheist, Vater, Mutter und die elfjährige Tochter Heidi. Vater Atheist liest in einer großformatigen Tageszeitung. Mutter Atheist, offensichtlich erkältet, nippt an einer Tasse Tee und wird dabei immer wieder von Husten- und Niesanfällen unterbrochen.)
VATER (zur Mutter): Alles in Ordnung mit dir?
MUTTER: Geht schon, geht schon.
VATER (mit dem Handrücken auf die Zeitung schlagend): Jetzt kommt das endlich heraus, was für ein Unheil da seit Jahrtausenden angerichtet wird mit der Beschneidung. Unzählige Tote, Persönlichkeitsstörungen, Impotenz ...
MUTTER: Wir haben es immer gewusst.
VATER: Ja, wir. Aber jetzt wissen es alle. Und ich hoffe, das ist erst der Anfang. Weil es sind ja nicht nur die Juden und die Moslems. Schau die Protestanten an. Massenhaft Alkoholiker, und warum? Wegen dem Wein zur Konfirmation.
MUTTER: Die Heidi hat erzählt, in ihre Parallelklasse geht ein Bub, der wascht sich nicht, weil er sich vorm Wasser fürchtet. Katholisch natürlich. Tauftrauma. (Hustenanfall)
VATER: Ist wirklich alles in Ordnung?
MUTTER: Jaja.
VATER: Ich möcht' nicht wissen die Dunkelziffer, was jedes Jahr Babys bei der Taufe ertrinken.
MUTTER: Das geht in die Tausende. Ich verstehe nicht, dass niemand klagt.
VATER: Das wird alles vertuscht. Was glaubst du, was die für eine Macht haben, die Christen. Aber jetzt vielleicht, nach dem Kölner Urteil ... Gegen die Juden haben sie sich auch getraut.
MUTTER: Hoffen wir's. (Schwerer Hustenanfall.)
VATER: Das ist ja furchtbar. Sollen wir nicht einen Arzt holen?
MUTTER: Nein nein. Es ist nichts. Wirklich. Es ist nichts.
HEIDI (schreit auf, stürzt zu Boden und windet sich in Krämpfen. Schreiend): Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!
VATER (zur Mutter, ärgerlich): Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst das nicht sagen.
MUTTER: Tut mir leid. Manchmal vergess' ich's.
(Sie kümmern sich um Heidi. Heidi beruhigt sich.)
MUTTER (zum Vater): Und du glaubst wirklich, das ist normal?
VATER: Völlig normal. Wenn sie erwachsen ist, ist das weg.
(Vorhang)
(Antonio Fian, DER STANDARD, 1.8.2012)
Mensa der Universität Leipzig
Wohlbekanntes mit Bonusdrama: Antonio Fians fünfter Dramolett-Sammelband
Zukunft. Ein sonniger Frühlingstag. Blühende Obstbäume. Zwitschern, Summen, Surren
Ein leerer Raum
Nahe Zukunft. Ein Büro, innen
Wirtshaus. Später Abend. Düstere, lastende Atmosphäre
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