Hand auf die Wurst

  • Mit Einweghandschuhen im Lebensmittelhandel "wird den Kunden nur Hygiene vorgegaukelt", meint Lebensmittelinspektor Alexander Hengl vom Wiener Marktamt.
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    Mit Einweghandschuhen im Lebensmittelhandel "wird den Kunden nur Hygiene vorgegaukelt", meint Lebensmittelinspektor Alexander Hengl vom Wiener Marktamt.

Eine derStandard.at-Leserin fragt sich, ob der verbreitete Einsatz von Hygienehandschuhen im Lebensmittelhandel tatsächlich Sinn hat

Bereits seit Jahren zählen die weiß-gelben Gummihandschuhe zur standardmäßigen Arbeitsbekleidung in Feinkostabteilungen, Metzgereien und Bäckereien. So werden Fleisch, Schinken, Wurst, Käse sowie Brot und Gebäck vor dem direkten Kontakt mit Fingern und Händen geschützt, so werden Sauberkeit und Hygiene vermittelt, so gelangt garantiert keine "befleckte" Ware an die Kunden. So wirkt es zumindest auf den ersten Blick. Das Ganze passiert aber völlig freiwillig, denn "eine gesetzliche Verpflichtung dazu gibt es in Österreich nicht", wie Alexander Hengl von Wiener Marktamt bestätigt.

Kaum Erhöhung der Sauberkeit

Der Glaube, dass eine gesetzliche Notwendigkeit besteht, dürfte allerdings unter der österreichischen Bevölkerung weit verbreitet sein. "Sie glauben gar nicht, wie viele Leute bei uns anrufen und sich beschweren, dass etwa ein Mitarbeiter der Bäckerei XY keine Handschuhe getragen hat", berichtet Lebensmittelinspektor Hengl aus seinem Arbeitsalltag.

Doch bereits 2007 nahm eine Studie des deutschen Instituts für Arbeitsschutz den Einsatz von Hygienehandschuhen in Feinkostabteilungen unter die Lupe - mit dem Ergebnis, dass sich die Bakterien- und Keimbelastung nur dann reduziert, wenn die Handschuhe stets aus einer frisch geöffneten Verpackung stammen und etwa alle fünf Minuten gewechselt werden. Ansonsten zeigten sich keine Vorteile im Vergleich zum Arbeiten mit der bloßen Hand. "Letztendlich wird den Kunden nur Hygiene vorgegaukelt", lautet das Resümee von Alexander Hengl.

Erhöhtes Risiko für Personal

Auch die Wiener Arbeitsmedizinerin Johanna Helm steht dem Gummi auf der Haut skeptisch gegenüber: "Es ist anzunehmen, dass hier gar kein positiver Effekt entsteht, sondern im Gegenteil: Die Keimbelastung erhöht sich unter Umständen sogar noch, da sich das Personal durch das Tragen der Handschuhe möglicherweise weniger häufig die Hände wäscht."

Zudem wird die Haut der Mitarbeiter unnötig belastet. "Wenn jemand - in welchem Beruf auch immer - regelmäßig oder ständig Handschuhe tragen muss, dann beginnt es zu 'dampfen', und die Haut kann nicht atmen" erläutert Helm. Damit wird die Barrierefunktion der Haut gestört, sie beginnt zu jucken, rötet sich und wird schuppig. Es können sich Hautrisse und Bläschen bilden, die wiederum einen idealen Nährboden für Hauterkrankungen wie etwa Ekzeme bieten.

Regelmäßiges Händewaschen völlig ausreichend

Nach Ansicht der Arbeitsmedizinerin reicht eine ordentliche Händehygiene vollkommen aus, ähnlich der, die auch im medizinischen Bereich üblich ist. Das bedeutet nichts anders als kontinuierliches und gründliches Händewaschen und kurze Fingernägel, die regelmäßig gebürstet werden sollten. "Man kann schon auch mit Handschuhen arbeiten, aber meiner Meinung nach ist es viel sinnvoller, die Mitarbeiter darin zu schulen, wie sie ihre Hände auf herkömmliche Weise pflegen und schützen können", ist Johanna Helm überzeugt.

Schneidbretter als Keimschleudern

Auch die Studie des deutschen Instituts für Arbeitsschutz bietet konkrete Alternativen, die einerseits eine höhere Effizienz versprechen und andererseits die Haut der Mitarbeiter weniger belasten. Dazu zählt die Vermeidung des direkten Kontakts mit den Lebensmitteln durch die Verwendung von Greifzangen, Gabeln oder Folien. Ein besonderes Augenmerk sollte außerdem auf die Reinigung von Arbeitsmaschinen und Schneidbrettern gelegt werden, da diese bereits nach relativ kurzer Zeit dicht mit Keimen besiedelt sind.

Alexander Hengl vom Wiener Marktamt vertritt einen ähnlichen Standpunkt: "Mir ist es lieber, das Personal trägt keine Handschuhe und nimmt bei heikler Ware Zangen, Gabeln oder Besteck. Wenn sich die Mitarbeiter zudem regelmäßig die Hände waschen, dann ist das vollkommen ausreichend." (Günther Brandstetter, derStandard.at, 1.8.2012)

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naja. da ja nicht alle Angestellten sich öfters die Hände waschen, sind mir diese Handschuhe schon wesentlich lieber, vorausgesetzt: sie werden auch regelmäßig gewechselt

"Ansonsten zeigten sich keine Vorteile im Vergleich zum Arbeiten mit der bloßen Hand. "

mit Handschuhen

wird das Lebensmittel angefaßt und beim Bezahlen dann das Geld... sehr hygienisch!

Ist doch positiv für die Angestellten,

sie spüren nicht, wenn noch etwas Rotz an den Fingern klebt, nachdem sie sich die Nase, natürlich mit Gummihandschuhen, geputzt haben, um dann mein Weckerl in Papier einzuwickeln. Außerdem stinken die Hände dann nicht so sehr nach Fisch oder geräuchertem.

was nützen handschuhe, wenn sie vorher waren, wo sie nicht sein sollten... :-)

ich war jetzt gerade 4 wochen in asien am weg

und habe viel und oft in den kleinen garküchen gegessen, die beinahe rund um die uhr in vielen strassen geöffnet haben.

bei meinen reisen bin ich auch durch kleinste dörfer gekommen, die an strassenecken grillstationen haben, an denen sachen gegrillt wurden, deren vorherige hygienische "behandlung" nicht wissen möchte.

ich habe auch sachen gegessen, die nicht mehr wirklich zu identifizieren waren.

und man staune und höre, keiner der köche und standlbesitzer hat plastikhandschuhe getragen.

und man staune weiter, ich lebe noch......

nein, keinen durchfall oder ähnliches erlebt!

gegrilltes unterlag ja einer hitzebehandlung, das keime und bakterien abtötet

oder hast du auch reichlich ROHE Sachen gegessen? glaube ich nämlich nicht.

naja, ich steh nicht so sehr auf sushi.

Allerdings Gemüse und Obst habe ich sehr wohl auch roh gegessen. Auch getrocknete Fische und so...

Gemüse und nicht zu schälendes Obst,

noch dazu in diesen Garküchen zu essen, ist in diesen Ländern ein wenig wie russisches Roulette. Ebenso wie ungekochtes oder nicht industriell in Flaschen abgefülltes Wasser zu trinken. Im Extremfall kann so etwas letal sein.

. "Sie glauben gar nicht, wie viele Leute bei uns anrufen und sich beschweren, dass etwa ein Mitarbeiter der Bäckerei XY keine Handschuhe getragen hat", berichtet Lebensmittelinspektor Hengl aus seinem Arbeitsalltag."

die dummheit und bösartigkeit der menschen ist grenzenlos!

Blöde Infektionsparanoia ...

und auf das Wechselgeld...

Ich bin immer wieder überrascht, dass den Leuten nicht selbst graust wenn sie mir das Restgeld mit dem selben Handschuh geben mit dem sie gerade hygienisch gearbeitet haben.

das wird ja auch nicht geschult. sondern den arbeitgebern ist nur das tragen von handschuhen wichtig

egal wie häufig sie gewechselt werden.

keine sorge, die vielen "sinnvolen" impfungen, mit denen man uns in unserer jugend gepumpt hat, werden uns bestimmt schützen. und wenn nicht, dann verkauft uns die pharma mittelchen dagegen...

bedenklicher finde ich es eher, wenn verkäuferInnen mit verkühlung oder fieberblasen lebensmittel verkaufen dürfen. denn da ist es egal, ob sie handschuhe tragen oder nicht.
eigntlich müsste der arbeitgeber jemand mit fieberblasen in den krankenstand schicken, aber das will halt keiner bezahlen....

lassen sie ihre wurst küssen,

bevor sie ins papier gewickelt wird?

eine ungeliebte Wurst, das wär doch nichts :p

Bei dem Handschuhblödsinn hatte sich wieder Graf Ali seine korrupten Pfoten im spiel...

wer früher im lebensmittelhandel

arbeitete , musste sich jährlich untersuchen lassen , heute eröffnen dreckige fressbuden an jeder ecke , in denen mehr als fragwürdiges personal arbeitet - weder ausbildung und schon gar keine gesundheitsuntersuchung , hier wäre es einmal angebracht , den kunden ausführlich zu erklären , inwieweit hier die gesundheit beeinträchtigt werden könnte

Selbst schuld, wenn Sie dort essen.

In den fressbuden

findet man nur die Unterschicht.

Was ist das?

die gängige praxis sieht so aus:

bedienung hat handschuhe an, die natürlich NICHT nach jedem kunden gewechselt werden, und grabscht damit nicht nur die wurst, sondern auch ALLES andere an, inklusive der gurkerln, die sie mit den behandschuhten fingern aus dem topf fischt. eine gabel (früher standard) verwenden heute nur mehr die wenigsten.

so gesehen sind die handschuhe der beste beweis dafür, wie robust wir sind, denn mit handschuhen wird heute erheblich unhygienischer gearbeitet als ohne.

Ja. Bei vielen Supermärkten kaufe ich kein Gebäck mehr, weil die Kipferln eben aus diesem Grund verlässlich nach Wurst schmecken.

dem kann ich nur zustimmen. gutes beispiel sind auch die fachverkäufer/innen in den diversen bäckereien, deren behandschuhte hände regelmäßig mit vielen anderen dingen in berührung kommen: kasse, geld, kaffeemaschine, kühlschrank, eigenes gesicht etc. da fände ich das weglassen der handschuhe eigentlich hygienischer.

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