Überleben im Ökosystem der Innovationen

31. Juli 2012, 20:29
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Neue Technologien im Software-Bereich sind auf ein Ökosystem von Kunden, Entwicklern und Zulieferern angewiesen, glaubt Michael Cusumano, Professor am MIT

Innovation ist eine zerstörerische Kraft. Die Entwicklung neuer Technologien und Produkte hat schon der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter als "schöpferische Zerstörung" bezeichnet, als er vor einem Jahrhundert anfing, über Innovationen zu forschen. Unternehmen im Hochtechnologiesektor müssen die zerstörerische Kraft immer wieder am eigenen Leibe spüren. Noch vor wenigen Jahren waren Sony und Nokia Branchengrößen. Heute würde Michael Cusumano nicht wetten, dass diese Unternehmen weiterexistieren werden.

Cusumano ist Professor an dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er forscht hinsichtlich Fragen des Managements und der Innovation im Software-Bereich und ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt "Staying Power" - Durchhaltevermögen - zu der Frage, wie Technologieunternehmen im Innovationswettstreit bestehen können.

It's the network, stupid!

Seine These ist eindeutig: Auf die Plattform kommt es an. "Im Wettbewerb der Plattformen, etwa Betriebssysteme, gewinnen nicht die besseren Produkte oder Gadgets." Denn Innovation brauche auch einen Netzwerkeffekt. Je mehr Menschen eine Plattform nutzen, desto mehr bringt die Plattform ihnen. Ein Beispiel wäre ein Portal zur Bewertung von Reiseangeboten. Der Nutzen für den Verbraucher steigt, wenn mehr Personen ihre Bewertungen abgeben. Je größer das Netzwerk, desto größer sein Wert.

Auf die IT-Welt umgemünzt heißt das: "Jedes Unternehmen braucht Partner, es braucht ein Ökosystem um seine Plattform herum." Das sei etwa der Grund, warum Apple mit den Plattformen iTunes und App Store reüssieren konnte. Schnell hat das Unternehmen Partner gefunden, um die beiden Plattformen über die gesamte Produktpalette vom MP3-Player bis zum Laptop zu stülpen. Programmierer kleiner IT-Start-ups von Silicon Valley bis zum indischen Bangalore arbeiten an Applikationen. Das gehe mittlerweile so weit, dass sich das Geschäftsmodell der kalifornischen Marke künftig ändern dürfte. "Die größte Einnahmequelle für Apple werden nicht die Devices sein, sondern der App Store und iTunes", glaubt Cusumano.

Die Dynamik von Clustern

Dass derart viele Software- und IT-Trends in Kalifornien losgetreten werden, kommt für Cusumano nicht von ungefähr. "Es gibt eine Cluster-Dynamik der Innovation. In diesen Clustern wird mehr zugehört, mehr gelernt, mehr interagiert." Die vielen Start-ups im Silicon Valley etwa würden zunehmend voneinander lernen und so ihre Produkte verbessern.

Der Software- und IT-Experte des MIT war auf Einladung des i2c in Wien. Das Informatics Innovation Center ist im März 2012 an der Technischen Universität Wien eröffnet worden und bietet Studenten die Möglichkeit, sich mit Fragen der Innovation und Unternehmensgründung zu beschäftigen. Neben Gastprofessoren wie Cusumano werden in dem drei Semester dauernden Ergänzungsstudium für Masterstudierende der Informatik und Wirtschaftsinformatik auch Gründer eingeladen.

Dabei haben neue IT-Technologien zusehends auch eine soziale Dimension: "In einer Woche könnte man mit ein paar talentierten Programmierern eine Seite wie Instagram duplizieren." Das soziale Netzwerk Instagram, das den einfachen Austausch von Fotos mit Freunden ermöglicht, wurde jüngst von Facebook um eine Milliarde Dollar gekauft. Warum der hohe Preis? "Man kann nicht die 30 Millionen treuen Nutzer duplizieren, nicht ihr Engagement, nicht ihre Kontakte. Software und Netzwerke sind kein Manhattan-Projekt (zum Bau der Atombombe, Anm.), bei dem man einfach genug Geld in die Hand nehmen muss, um Innovationen zu erzwingen."

Daher müssen Unternehmen in ständigem Kontakt mit ihren Kunden sein und "pull"-getrieben arbeiten. Sie holen sich also schnell Feedback, planen in kurzen Zyklen und interagieren mit ihren Kunden. "Unternehmen müssen flexibel sein und sich ständig anpassen." Das sei ein radikal anderes Konzept als etwa jenes, das Schumpeter vorschwebte. "Viele der heutigen Innovationen können nicht einfach in einem Forschungslabor aufgezogen werden. In vielen Fällen kommen Nutzer auf neue Ideen und nicht Entwickler."

Wenn ein Unternehmen seine Plattform aus Kunden und Dienstleistern aktiv nutzt, kann es auch lange in einer schnelllebigen Branche wie IT überleben, glaubt Cusumano und denkt dabei an IBM, das 1911 gegründet wurde. Manchmal glaubt aber auch Cusumano nicht an die "Staying Power" in der Welt der IT: "Selbst ein Unternehmen mit einer guten Plattform kann von Innovationen verdrängt werden." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 1.8.2012)


Weitere Informationen zum i2c und den Public Lectures unter www.informatik.tuwien.ac.at/i2c

  • "IT-Innovation ist kein Manhattan-Projekt", so Michael Cusumano. Der MIT-Professor untersucht, welche Strategien sich im Wettstreit der Innovationen behaupten.
    foto: mit

    "IT-Innovation ist kein Manhattan-Projekt", so Michael Cusumano. Der MIT-Professor untersucht, welche Strategien sich im Wettstreit der Innovationen behaupten.

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