Kinderbetreuung: Erkenntnis gibt's gratis

Kommentar |

Die anderen Bundesländer wären gut beraten, sich von Wien ein Scheibchen abzuschneiden

Ein gern vorgebrachtes Lamento von Politikern lautet, dass Journalisten nie etwas gut finden können. Also, bitte sehr: Die Wiener Kindergartenpolitik ist zwar nicht uneingeschränkt super, aber im österreichischen Vergleich doch die eindeutig fortschrittlichste.

Die Betreuung für die Null- bis Sechsjährigen ist nicht nur für die meisten Wiener Eltern gratis, es gibt auch mit deutlichem Abstand die wenigsten Schließtage, und nun hat Wien das von der EU vorgegebene Ziel erreicht, für ein Drittel aller Null- bis Dreijährigen Plätze zu schaffen. Jetzt mag es bei der Platzvergabe oft Probleme geben, es fehlen Pädagoginnen, und über die Qualität kann man immer diskutieren. Faktum ist aber: Es gibt in der Bundeshauptstadt einen politischen Konsens darüber, dass es eine gute Sache ist, wenn kleine Kinder außer Haus betreut werden.

Die anderen Bundesländer wären gut beraten, sich davon ein Scheibchen abzuschneiden. Geradezu beschämend zurück liegen sie teilweise in den diversen Statistiken. Der Grund dafür ist nicht nur, dass die Länder nicht willens sind, Geld in die Hand zu nehmen. Kinderbetreuung ist nach wie vor eine ideologische Frage; die Erkenntnis, dass die Kleinen nicht unbedingt missraten werden, weil sie in den Kindergarten - Achtung, Kampfvokabel! - "abgeschoben" werden, ist außerhalb von Wien offenbar politisch noch nicht überall durchgesickert. Das wäre ein wichtiger erster Schritt. Und den gibt's sogar gratis. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 1.8.2012)

Share if you care