Vom Wolfspferd zum Profi-Besessenen

31. Juli 2012, 19:27
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Die Ethnomedizinerin Yvonne Schaffler erforscht Voodoo-Rituale in der Karibik

Dass eine Puppe zum Symbol für die komplexen Praktiken des Voodoo geworden ist, haben wir Hollywood zu verdanken. Schon Paracelsus war übrigens der Meinung, dass die Manipulation an der Repräsentation eines Objekts ausreicht, um Wirkungen am Original herbeizuführen.

Yvonne Schaffler beschäftigt sich an der Medizinischen Universität Wien (MUW) mit dem Phänomen der rituellen Besessenheit - und insbesondere ihren Formen und Funktionen im Südwesten der Dominikanischen Republik. "Bei uns wird Besessenheit als etwas gesehen, das verhindert werden muss. In Afrika oder der Karibik kann sie als Form des Kontakts zu den Geistern erwünscht sein. Professionell Besessene erlangen meist sogar eine Position, aus der heraus sie andere beraten dürfen", erklärt die Spezialistin für Ethnomedizin an der gleichnamigen Unit der MUW.

In mehreren Jahren Feldforschung hat Schaffler unter anderem rund 100 Stunden Videomaterial und 18 Lebensgeschichten zusammengetragen. Darauf aufbauend wird sie mit einem Hertha-Firnberg-Stipendium, das der Wissenschaftsfonds FWF an Postdoktorandinnen vergibt, den Prozess der Sozialisierung von Besessenheit durchleuchten.

Besessene im Frühstadium, die diese ekstatischen Zustände noch nicht gut kontrollieren können, werden als "Wolfspferde" bezeichnet. Unfreiwillig besessen zu sein erzeugt oft einen Leidensdruck, der mittels spezieller Initiationsrituale unter Kontrolle gebracht werden soll. Die 33-jährige Klagenfurterin interessiert, wie und durch welche Maßnahmen sich die Qualität von Besessenheit ändert. Die Videos ermöglichen ihr, Szenen wiederholt anzusehen und Typologien von Verhaltensweisen zu erstellen. Aus den Gesprächen erfährt sie mehr über die Lebensumstände beim "ersten Mal" und wie Personen ihr Dasein als Medium bewerten. Zudem analysiert sie, ob die Geister behindern oder als hilfreich wahrgenommen werden.

Ethnologie studierte Schaffler als Gegenentwurf zur familiären Tradition des All-inclusive-Cluburlaubs: "Ich wollte keine neue Kulisse kennenlernen, sondern Menschen und deren Weltbilder." Sie forscht seit 2003 in der Dominikanischen Republik, einem "Paradies der Gegensätze", mit extremem Reichtum (die Insel ist Drehscheibe für Drogenhandel zwischen Kolumbien und den USA) und bitterer Armut.

Einen vorurteilsfreien Blick auf Rituale und Volksmedizin gewann sie rasch: "Bei der richtigen Feldforschung sind die Menschen mit einem anderen Weltbild gewöhnlich in der Überzahl. Kommt es zu einem echten Austausch, wird die eigene Wahrnehmung zwangsläufig erweitert." An den Ritualen fasziniert sie die Entgrenzung und die kreativ-sinnliche Gestaltung.

Wien ist mit einer beachtlichen Sammlung, einer Fachgesellschaft und einer Zeitschrift ein Hotspot der Ethnomedizin im deutschsprachigen Raum. Die Unit an der Meduni Wien versucht Studierenden zu vermitteln, dass das Krankheitsempfinden abhängig vom kulturellen Hintergrund ist. Ihre wichtigste Botschaft in der Lehre ist also: "Realität wird subjektiv wahrgenommen. Wer den Menschen als Forschungsgegenstand hat, muss sich dessen bewusst sein." Schaffler will selbst mehr wissen: Im Vorjahr hat sie die Ausbildung zur Psychotherapeutin begonnen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 1.8.2012)

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