Der Popstar vom Zehnmeterturm

31. Juli 2012, 18:20
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Der britische Wasserspringer Tom Daley ist in seiner Heimat das Gesicht der Spiele. Eine Medaille würde er Vater Rob widmen. Sein größter Förderer ist 2011 an Krebs gestorben

London - Er hat eine eigene Smartphone-App, die aktuell darüber informiert, was er so treibt. Die "BBC" drehte eine mehrstündige Doku über ihn. Er durfte das Londoner Aquatic Centre mit einem Köpfler in den Pool einweihen. Er stand für die italienische Ausgabe des Mode-Magazins "Vogue" mit Kate Moss vor der Kamera. Er ist auf Werbeplakaten und in Werbespots das Gesicht der Olympischen Spiele. Und Cheftrainer Alexei Evangulov bezeichnete seinen Schützling als "Popstar".

Wasserspringer Tom Daley ist erst 18 Jahre alt - und trägt dennoch schwer an den Hoffnungen seiner Landsleute auf eine Goldmedaille in London. "Für mich ist es okay, unter Druck in einen Wettkampf zu gehen", sagt er. "Entweder du kommst damit klar, oder eben nicht." Schon jetzt hat Daley mehr erreicht als viele Athleten in einem ganzen Sportlerleben nicht.

Jung und erfolgreich

Im Alter von 13 Jahren - und mit Zahnspange - sprang Daley in Eindhoven zum Europameistertitel vom Turm. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 rauften sich Medien um Titelstorys mit dem 14-jährigen Schüler aus Plymouth. Zurück zu Hause schüttelte er nach den Plätzen sieben und acht die Hände der Queen. Ein Jahr später kürte er sich in Rom vom Zehnmeterturm zum jüngsten Weltmeister der Wassersprung-Geschichte. Das reichte, um noch vor den Heimspielen in London eine Autobiografie zu veröffentlichen.

Das öffentliche Begehr an Daley ist derart groß, dass Chefcoach Evangulov intervenierend eingriff und Daley auch kritisierte. Die Situation um seinen Schützling würde ihn an jene der russischen Tennisspielerin Anna Kurnikowa erinnern. "Sie sah gut aus und startete verheißungsvoll in ihre Karriere. Aber durch das Medienchaos wurde sie nie die Beste." Kurnikowa, die als Pin-up Millionen mit Werbeverträgen lukrierte, konnte kein einziges WTA-Turnier gewinnen.

Der Tod eines Champions

Als Dreijähriger ist Daley erstmals geschwommen, im Alter von sieben Jahren stieg er auf ein Sprungbrett. Vater Rob hatte 25 Pfund bezahlt, um seinem Sprössling Trainingseinheiten zu ermöglichen. Die Investition sollte sich auszahlen. Bei den Mitschülern kam der Sport damals aber nicht gut an. Daley wurde gemobbt, bedroht, gemieden. "Wasserratte" war noch die harmloseste aller Bezeichnungen, denen er am Eggbuckland Community College ausgesetzt war. Die Schulzeit war heftig. "Ich dachte, es würde schon irgendwann aufhören", sagt er heute. Aber das Gegenteil trat ein. Seine beiden jüngeren Brüder William und Ben spielten Rugby - und hatten keine Probleme.

Seinen Traum verfolgte Daley mit seinem Vater weiter. Im Mai 2011 verlor Rob 40-jährig den Kampf gegen den Krebs, er starb an einem Gehirntumor. Tom trainierte da gerade in Mexiko für Olympia. "Er war mein bester Freund, mein Ansprechpartner, mein Taxifahrer, einfach mein größter Champion", sagte Tom einmal über seinen Vater.

Verhaftung wegen Twitter

Diese tragische Familiengeschichte kennen interessierte Sportfans in Großbritannien. Als Daley am Montag mit seinem Partner Pete Waterfield beim Synchronwettbewerb vom Turm als Vierte eine Medaille knapp verpasst hatte, twitterte ein 17-jähriger Engländer: "Du bist eine Enttäuschung für deinen verstorbenen Vater". Die Polizei nahm ihn daraufhin im südenglischen Weymouth fest.

Am 11. August, dem vorletzten Tag der Spiele, hat Daley in der Einzelkonkurrenz vom Turm die letzte Chance, das erste Springergold für Großbritannien zu holen. Er würde die Medaille seinem Vater widmen. (krud, DER STANDARD, 01.08.2012)

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    Tom Daley, im Synchronbewerb mit Partner Pete Waterfield Vierter, will im Einzel vom Turm als Olympiasieger eintauchen.

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