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Trolle sonder Zahl tummeln sich im Salzburger "Peer Gynt". Außerdem wird der Titelheld feststellen, dass es heutzutage nicht leicht ist, ein Star zu sein.
Hallein - Alternde Rockstars sind ein Phänomen unserer Zeit. Sie tragen das Bekenntnis zu Freiheit und den Mut zum Aufbruch zeitlebens an ihren Körpern und werden nicht müde - ja, ja, auch wegen des Geschäftemachens -, davon zu singen. So ein Stadionpoet ist in der Inszenierung von Irina Brook auch der halsbrecherisch gewitzte Peer Gynt von Henrik Ibsen. Eine nachvollziehbare, aber auch ziemlich patinierte Idee, mit der Brook die Halle rocken wollte, was nicht gelang. Im Original hat Peer noch mit Sklavenhandel sein großes Geld gemacht.
Die Ironie daran ist, dass der dreieinhalbstündige Abend auf der Perner-Insel in Hallein musikalisch mehr wiegt als theatralisch. Das liegt nicht nur an den beiden eigens für diese Premiere geschriebenen Liedern des Brook-Freundes Iggy Pop, I'm The Dude und In dependent Boy; bei Textzeilen wie "Ein Dauerständer, der nie versagt" klappt der eine oder andere Theaterbesucher halt die Ohren zu. Sie werden von dem mit seiner tremolierenden Energie über vieles hinwegtröstenden isländischen Schauspieler und Hauptdarsteller Ingvar E. Sigurdsson und Scott Koehler schön ketzerisch inter pretiert. Auch das von Guillaume Antonini geleitete verkleidungswillige Bühnenorchester hat auf berückende Weise musikalische Motive aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suiten mit Geige und Akkordeon gut zurechtgestutzt.
Irina Brook aber, Tochter der britischen Theaterlegende Peter Brook, hat für die vielen Stationen von Peer Gynts Weltreise keine andere Form gefunden als cir censische Märchenszenen, in denen es wie im Musical mehr auf temperamentvolle Äußerlichkeiten ankommt als auf die innere Entwicklung des Helden: Trollkostüme in allen Farben (Magali Castellan), Musik als Pausenfüller, süße Requisiten (Bühne: Noëlle Ginefri). Kurzum: So viel Ronacher war hier noch nie.
Viel Schale, kein Kern
In Peer Gynt schwatzt der Titelheld, ein Bauernsohn aus Gudbrandstal, seine verarmte Mutter (Mireille Maalouf) mit abenteuerlichen Lügen voll, bevor er sie und die schöne Solveig (Shantala Shivalingappa) für die große weite Welt verlässt. Daheim in Gudbrandstal ist nicht gut Rockstar werden. Davor entführt er noch die Braut eines anderen, macht aber keine Anstalten, zu arbeiten oder eine Familie zu gründen. Das ist unter Rockstars heute eigentlich anders. Ab dann hat Irina Brook merklich in Handlung und Text eingegriffen (auch US-Autor Sam Shepard hat Gedichte beigesteuert). Anstatt auf zwei Sennerinnen (im Original), trifft Peer Gynt drei Damen bei einem Open-Mic-Abend. Mit seiner Band "PG and the Trolls" macht er dann Weltkarriere und muss auf einer Zebrafellcouch Interviews geben. Die weiteren bitteren Erfahrungen macht er nicht in Zelten von Araberhäuptlingen, sondern in amerikanischen Saloons.
Hier stellt sich heraus, dass er von Anitra (Froydis Arntzen Dale) nicht um seiner selbst willen gemocht wird, sondern wegen seiner beruflichen Vorzüge als Star. Das betrübt ihn, da kann auch eine buddhistische Session nicht helfen. Und es führt schließlich zu jener berühmten Metapher, als er nach Jahrzehnten des Herumtreibens heimkehrt und bemerkt, er selbst sei wie eine Zwiebel: viel Schale und kein Kern.
Die Sehnsucht, auf Teufel komm raus jemand Berühmter zu sein, hat Peer Gynt ausgehöhlt - eine Conclusio, für die man keinen Ibsen gebraucht hätte. Und man hätte sich dann auch den an jeglichem zeitgenössischen Frauenbild vorbeiinszenierenden Opfer-Kitsch erspart, den Brook bemüht, um die faustische Erlösungs vorstellung am Ende einzulösen: Solveig verzeiht Gynt alle Sünden und nimmt ihn muttergleich bei sich auf. Rockstar-Freundinnen werden sich bedanken! (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 1.8.2012)
Bis 18. 8.
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