Viel Hoffnung, noch mehr Zweifel

31. Juli 2012, 17:28
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Rudolf Haberleitner und sein Sanierungsfonds wollen mit Schlecker die kleinen Nahversorger wiederbeleben. Die Branche hat daran ernste Zweifel: Die Lieferanten spielten nicht mit, die Finanzierung stehe auf tönernen Füßen

Rudolf Haberleitner hat Großes vor. In wenigen Wochen will er Schlecker österreichweit und in vier weiteren Ländern auf Daily umbenennen. Sein Konzept, die Drogeriekette zum Nahversorger in Dörfern umzubauen und die kleinen Kaufleute wiederzubeleben, werde in die Geschichte eingehen, versichert er im Gespräch mit dem STANDARD.

Mittelfristig wolle er über Bayern in fast ganz Europa expandieren. Ein internationaler Profi von Rang und Namen werde ihn dabei unterstützen. 4600 der 5000 Jobs sollen in 1340 Shops erhalten bleiben, die er mit Hightech aufrüsten werde. Er baue dabei auf bestens motivierten Mitarbeitern auf.

Schlecker Österreich stand bereits an der Kippe zur Insolvenz. Montagabend in praktisch letzter Sekunde hat Haberleitner mit seinem Sanierungsfonds TAP 09 den Zuschlag für die Geschäfte in Österreich, Italien, Polen, Luxemburg und Belgien erhalten. Seither gibt der Niederösterreicher Geldgebern, Lieferanten und Handelsexperten Rätsel auf. Sie vermissen tragfähige Konzepte und gesicherte, transparente Finanzierungen.

Gesellschafts-Teile

In die Managementgesellschaft des TAP 09 steigt nun auch der Wiener Anwalt Haberleitners, Franz Guggenberger, ein. Er sitzt im Aufsichtsrat des Investors Michael Tojner und bremst die hochfliegenden Pläne seines Kompagnons etwas ein. Von europaweiter Expansion werde zwar geredet, das sei derzeit aber "Utopie; jetzt kümmern wir uns einmal um die Kernmärkte, in denen Schlecker bereits aktiv ist", sagt der Anwalt.

Über Kaufpreis und Finanzierung will Haberleitner nicht sprechen. Nur so viel: Er habe internationale Fonds und Stiftungen vermögender Privater an Bord. "Wir haben alles, was wir brauchen."

Der deutsche Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz wollte mindestens 28 Millionen Euro. So viel war das Darlehen wert, das er der Österreich-Tochter gab, um den Wareneinkauf notdürftig aufrechtzuerhalten. 20 bis 25 Millionen seien notwendig, um die weitere Versorgung mit Produkten sicherzustellen, zehn Millionen brauche es für die ersten Investitionen, rechnen in den Deal Involvierte vor. Alles Spekulation, sagt Haberleitner. Er habe in bisherige Vorarbeiten 1,5 Millionen Euro investiert.

Schlecker Österreich hat offene Forderungen von rund 180 Millionen Euro an die insolvente deutsche Mutter. Sehr viel gehöre wertberichtigt, bestätigt Haberleitner. Zuschüsse aus Österreich zur Verlustabdeckung der Töchter im Ausland in Höhe von kolportiert mehr als 100 Millionen Euro stören ihn nicht. Schlecker habe schließlich "ein Eigenkapital von 268 Millionen Euro".

"Operativ nicht einmischen"

Lieferanten fehlen Sicherheiten - sie verweigern die Zusammenarbeit, erzählen Insider unabhängig voneinander. "Unsinn", meint Haberleitner. Es gebe gute Kontakte zur Industrie. Er setze im Übrigen weiterhin auf das bestehende Management des Unternehmens. Seine Leute würden sich operativ "nicht einmischen", sondern nur Optimierungsvorschläge machen.

Die Kreditversicherer warten ab. Sie wollen erst dann prüfen, ob sie Lieferungen absichern, wenn die Finanzierung nachweisbar fixiert ist und klare Konzepte vorliegen. Die Chancen, dass die Vermieter weitere Mietnachlässe geben, stehen hingegen gut, da sich in Dörfern nur wenige für freie Handelsflächen interessieren.

Jede Übernahme sei für die Mitarbeiter auch mit Risiken verbunden, sagt der Gewerkschafter Karl Proyer. Er sehe nun für sie jedoch Perspektiven. Wolfgang Hrobar vom Alpenländischen Kreditorenverband ist skeptisch. Das alles sei derzeit "einfach nicht greifbar".

Peter Schnedlitz, der Handelsexperte der Wirtschaftsuni Wien, kann sich Ironie nicht verkneifen: "Wir werden hier wohl Zeitzeuge einer Revolution der Handelsbetriebslehre." Gingen die Pläne auf, müsse er seine Vorlesungen umstellen. So viele kleine Nahversorger hätten schon Schiffbruch erlitten. Wie man den Erhalt aller Läden versprechen könne, mache ihn perplex. Die Gefahr, Geld zu verbrennen, sei hoch. 12,7 Millionen Verlust hat Schlecker Österreich bis August einkalkuliert. Haberleitner will ihn bis Jahresende halbieren. (Verena Kainrath/Renate Graber, DER STANDARD, 1.8.2012)

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