"Unmöglich, in Italien zu investieren"

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    foto: giuseppe pino

Die Benetton Familienholding hegt ehrgeizige Investitionspläne für italienische Flughäfen und Autostrade. "Investments werden blockiert", sagt Gilberto Benetton

STANDARD: Wie sehen Sie die wirtschaftliche und soziale Situation in Italien?

Benetton: Ich bin besorgt. Nicht nur über Italien, auch über Europa. Offensichtlich müssen wir unseren Lebensstil ändern, die Unternehmen müssen rigoroser und effizienter werden. Ich glaube aber, dass die Krise auch die Gelegenheiten bietet, verkrustete Strukturen aufzubrechen und die Integration in Europa voranzutreiben. Sollte dies nicht erfolgen, verkommt Europa zur "Peripherie" der Welt und Italien zur äußersten Peripherie Europas.

STANDARD: Was erwarten Sie von der Regierung Monti?

Benetton: Als überzeugter Europäer hat Monti einen Qualitätssprung veranlasst und versucht, Italiens Strukturen jenen Europas anzupassen. Nun muss die Regierung Wachstum und Investitionen fördern.

STANDARD: Sie haben ehrgeizige Investitionspläne für den Flughafenausbau in Italien und für die Modernisierung der Autobahnen angekündigt. Wann starten Sie mit dem Investitionsprogramm?

Benetton: Wir wollen zwölf Milliarden Euro in den Ausbau des Flughafens von Rom (Aeroporti di Roma, AdR) investieren, dessen Großaktionär wir sind. Die römischen Flughäfen weisen ein riesiges Potenzial auf, die Passagieranzahl soll von derzeit 38 auf 100 Millionen Gäste jährlich erweitert werden. Wir warten immer noch darauf, dass die Regierung grünes Licht für den Investitionsstart gibt und die seit Jahren stagnierenden Airport-Gebühren erhöht. Wir wollen zudem 20 Milliarden Euro in die Modernisierung der Autostrade investieren.

STANDARD: Was ist der Grund dafür, dass ausländische Investoren vor Italien zurückschrecken?

Benetton: Derzeit ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, in Italien zu investieren. Egal, ob es sich um Staatspapiere, Infrastrukturprojekte oder um Investitionen in Unternehmen handelt, ausländische Geldgeber kann man aktuell an einer Hand abzählen. Unsere ausländischen Partner, die einst Vertrauen zu Italien hatten, zeigen sich perplex. Nicht nur wegen des Währungs- und Länderrisikos. Die Tatsache, dass auch private Investitionen im eigenen Land blockiert werden, ist ihnen unverständlich. Auch der von uns geplante Flughafenausbau von Florenz und der Umbau des venezianischen Palastes Fondaco dei Tedeschi in ein modernes Kaufhaus scheiterten bislang an den langwierigen bürokratischen Praktiken und Unsicherheiten in der Gesetzgebung.

STANDARD: Die von Benetton kontrollierte Restaurantkette Autogrill gehört inzwischen zu den italienischen Unternehmen mit höchstem Internationalisierungsgrad. Ist ein weiteres Wachstum geplant?

Benetton: Ich sehe in Asien und in Russland aktuell günstige Wachstumschancen. Wir sind auch dabei, unser Duty-free-Geschäft an den Flughäfen weiter auszubauen. Ich schließe aber auch neue Allianzen oder eine Abgabe von Beteiligungen an Autogrill nicht aus. Die Bedingung ist aber, dass wir weiterhin die Mehrheit kontrollieren. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, 1.8.2012)

Gilberto Benetton (71) gilt als das Finanzgenie der Unternehmerfamilie. Er hat den Diversifikationskurs im Konzern Edizione eingeführt und nutzte dazu die Privatisierungswelle der Neunzigerjahre. Mit Beteiligungen an Autostrade und den Flughäfen von Rom, Florenz und Bologna zählt Benetton auch zu den wichtigsten Autobahn- und Flughafenbetreibern in Italien. Der Modesektor, einst Aushängeschild der Familie, trägt mit einem Umsatz von zwei Milliarden Euro nur noch ein Sechstel zum gesamten Geschäftsvolumen bei.

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