Wirtschaft will nicht anspringen

27. Juni 2003, 18:32
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Die Prognosen mussten neuerlich massiv zurückgenommen werden, intern befürchtet das Wifo gar ein Nullwachstum für das kommende Jahr - Vier Flautejahre in Folge hat es in Österreich seit 1945 nicht gegeben

Wien - Schlechter hätte der neueste Konjunkturbericht kaum ausfallen können: Die Wirtschaftsforscher nehmen die Aussichten für heuer und das kommende Jahr neuerlich massiv zurück. Durch die gesamteuropäische Flaute sei ein Konjunkturaufschwung in Österreich nun auch 2004 unwahrscheinlich geworden. Wifo-Chef Helmut Kramer: "Damit würde die Wirtschaftskrise in ihr viertes Jahr treten." Auf die Frage, wann denn nun der ersehnte Aufschwung absehbarerweise kommen werde, sagt Kramer: "Wer das japanische Beispiel studiert, weiß, dass so eine Flaute sehr lange dauern kann."

Vor allem die nicht veröffentlichten, internen Wifo-Daten zeigen die wahre Dramatik. Offiziell wird nun für 2004 ein "Wirtschaftswachstum" von ohnehin mageren 1,2 Prozent prognostiziert, was jedoch nur den Mittelwert aus zwei Szenarien darstellt. Hält die Flaute an, steigt der Eurokurs weiter, hilft die US-Wirtschaft der europäischen nicht aus der Krise, dann könnte Österreich 2004 auch ein Nullwachstum drohen. Dies sagte dem STANDARD ein renommierter Wifo-Fachmann, der aber namentlich nicht genannt werden wollte.

Im besten Fall zwei Prozent

Im besten Fall könnte das Wachstum 2004 auf zwei Prozent anspringen, ein Wert, der unter Ökonomen als absolute Untergrenze für den Begriff "Aufschwung" gilt.

Im Dezember 2002 ging das Wifo für heuer noch von einem Wachstum von 1,7 Prozent aus, im März revidierte das Institut auf 1,1 Prozent, mittlerweile rechnen die Experten nur noch mit 0,7 Prozent - alle negativen Auswirkungen auf Budget und Arbeitsmarkt inklusive.

Für das Jahr 2004 ging es mit der Prognose im Zeitverlauf nicht minder deutlich nach unten: 2,3 Prozent noch im Dezember, 1,7 Prozent im März, nun wie gesagt 1,2 Prozent (alles Wifo-Zahlen).

Felderer optimistischer

Das Institut für Höhere Studien, geleitet von Bernhard Felderer, ist traditionell etwas optimistischer und erwartet 2004 ein Wachstum von 2,1 Prozent (nach 2,5 Prozent im März). Felderer glaubt im Gegensatz zum Wifo - ausgehend von den USA - an eine bessere Entwicklung in Europa, vor allem in Deutschland.

Ungewohnt kritische Worte fanden die Chefökonomen des Landes für die Untätigkeit der Wirtschaftspolitik auf europäischer und nationaler Ebene. Wifo-Chef Kramer sagte, 2003 hätte die Bundesregierung ruhig ein etwas höheres Budgetdefizit in Kauf nehmen können, wenn dafür gezielte Mehrausgaben für Forschung und Bildung getätigt worden wären. Für 2004 geht Finanzminister Karl-Heinz Grasser noch von einem Defizit von 0,7 Prozent aus, das Wifo rechnet bereits mit 1,2 Prozent. Auch der relativ frühe Beschluss eines Doppelbudgets für 2003 und 2004 sei zwar politisch verständlich, aber kaum dazu angetan, auf die abwärts gerichtete Konjunkturentwicklung adäquat reagieren zu können.

Die private Nachfrage leide durch die steigende Sparneigung, ausgelöst auch durch die Verunsicherung aus der Pensionsdiskussion. Etwas Unterstützung für den Konsum kommt aus der weiterhin sinkenden Inflation, was die reale Kaufkraft stärkt. Die Inflationsrate dürfte von 1,8 Prozent (2002) auf 1,3 sinken. (Michael Bachner, Der Standard, Printausgabe, 28.06.2003)

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    Die Hoffnungen auf ein baldiges Anspringen der Konjunktur scheinen verfrüht - die neuen Konjunkturdaten von Wifi und IHS zeichnen jedenfalls ein tristes Bild

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