Frauenhandel in Europa nimmt drastisch zu

26. Juni 2003, 20:38
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Viele Händlerringe sind durchaus bekannt - Experten kritisieren die vernachlässigte Verfolgung

Straßburg - Alarmiert über das Ausmaß des Frauenhandels in Europa hat sich die Parlamentarische Versammlung des Europarats in Straßburg geäußert. Schätzungen der EU-Kommission zufolge werden allein in den 15 Staaten der Union jährlich wenigstens 120.000 Frauen und Kinder Opfer von Menschenhändlerringen. Für ganz Europa wird die Zahl der Opfer auf rund 500.000 geschätzt.

Vor allem in Osteuropa würden immer mehr junge Frauen oder gar Kinder von international organisierten Verbrecherbanden verschleppt und zur Prostitution gezwungen, stellten die Abgeordneten aus den 45 Europaratsländern am Mittwochabend in einer Entschließung fest. Darin forderten sie eine "gemeinsame europäische Strategie" zur Bekämpfung des Phänomens, das seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 immer größere Ausmaße angenommen habe.

Die Versammlung verlangte eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Polizei und Justiz. Das Übel müsse aber vor allem an der Wurzel bekämpft werden, denn die meisten Frauen würden durch Arbeitslosikeit, Armut und sozialen Ausschluss in die Arme skrupelloser Menschenhändler getrieben.

Opferschutz gefordert

Die Konferenz appellierte an die Regierungen, strenge Strafen für Menschenhändler vorzusehen und betroffenen Frauen dabei zu helfen, sich aus deren Fängen zu befreien. So müsse auch die Sicherheit von Opfern gewährleistet werden, die zur Zusammenarbeit mit der Justiz bereit seien.

Mehrere Redner warfen den Regierungen schwere Versäumnisse vor. Diese hätten zwar teils drastische Maßnahmen gegen die Prostitution beschlossen, gingen aber nicht entschlossen genug gegen die Menschenhändler vor.

Viele Händlerringe sind durchaus bekannt

"Die meisten der Händlerringe sind durchaus bekannt, doch es herrscht das Gesetz des Schweigens", betonte der Schweizer Liberale Walter Schmied. Auf politischer Ebene werde zu wenig gegen das Problem unternommen.

In manchen Ländern stelle der Menschenhandel sogar eine wichtige Einkommensquelle dar, heißt es in dem Bericht weiter. In Moldawien etwa bringe dieser Handel laut Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen jährlich bis zu 200 Millionen Euro ein; mehr als der Internationale Währungsfonds und die Weltbank zusammen dem Land zur Verfügung stellten. (AFP, DER STANDARD Printausgabe 27.6.2003)

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