Flucht vor Prozessionen

26. Juni 2003, 20:13
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Ilse Aichinger geht zum 79. Mal auf eine unglaubwürdige Reise

Hier, in der Mitte der Stadt, gegenüber einer der vielen alten Apotheken (selbst die Apothekerinnen sehen sich, auch noch in der dritten Generation, zum Verwechseln ähnlich), ist das Reiseziel fast zu schnell erreicht.

Neben der Apotheke: "Freytag & Berndt" mit nicht immer verlockenden, aber doch soliden Reiseführern - Bahamas, Seychellen, Malediven - mit nur wenig variierten Ratschlägen für jede Inselgruppe, Impfvorschlägen, leichten Warnungen. Mit vielen Vorschlägen für tägliche Ausflüge, für viele Möglichkeiten, gleich wieder wegzukommen.

Am Fronleichnamstag fand ich auf den Stufen zum Loos-Haus einen halb ohnmächtigen älteren "Johannes" (er sagte gleich den Namen, ehe er von Malerei zu sprechen begann, womit er auch auf der Kaffeeterrasse beim Demel nicht aufhörte). Er war nicht außer sich, aber man konnte auch nicht sagen, dass er ganz bei sich war.

Der Gegensatz zwischen der hohen Geistlichkeit und den geschmückten Kindern, die aussahen, als hätte sie Waldmüller und nicht Rudolf von Alt gemalt, von dem er sprach, den Professoren, Dekanen und anderen steifen Vertretern der Universität, die er erkannte, bemerkte er nicht, er nahm keine Absurdität wahr.

Während mir diese Prozession das Demel-Frühstück verdarb, leuchtete ihm das missglückte Wiener Rathaus ebenso leicht ein wie die noch um einiges missglücktere Votivkirche. Von seiner Einstellung zum Verursacher der Prozessionen und zu denen der divergenten Architekturen, Wehr-und Verwaltungsgebäuden war nichts zu erfahren. Er war seiner Umgebung ebenso gut gesonnen wie die Verfasser des Wiener Bezirksführers bei "Jugend und Volk", und es schien ihm gleichgültig, wie weit er zu einem von beidem gehörte.

So blätterten wir, zum Geläute der Prozession, im Bezirksführer: Mutterberatungsstellen, Reisebüros, Kinder- und Jugendpsychologische Beratungsstellen nahm er so ernst wie das Dach der zweigeschoßigen Tiefgarage, das angeblich mit Gras bepflanzt ist. Ob Putzfassaden oder Geburtshäuser von Flöten- und Gitarrenvirtuosen, ob Kara Mustafa, Karl Farkas oder Josef Lanner - er unterschied wenig, warf aber auch nichts zusammen und ließ jeden mit seinem Glück oder Unglück bei sich, auch jeden Unerwähnten. Er hätte auch das Haus "Zum Grünen Luftschützen" als Domizil ernst genommen, in dem in der Nacht zum 12. Februar 1704 ein kaiserlicher Hauptmann von unbekannten Tätern ermordet wurde.

Wo 1945 die erste Konferenz der KPÖ nach dem Krieg stattfand, nahm er weniger wahr als verstorbene Historienmaler oder das Wohnhaus des Dichters Ignaz Castelli, der 1835 vorerst auf dem Hütteldorfer Ostfriedhof, aber danach in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof landete. So weit kann die Reise, die an einem Fronleichnamstag auf den Stufen des Loos-Hauses begann, am Ende führen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6. 2003)

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