Jährlich sterben zehn Millionen Kinder unter fünf Jahren

26. Juni 2003, 19:58
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Zwei Drittel könnten mit Nahrungsmitteln und vorhandenen Medikamenten gegen Durchfall, Malaria oder Lungenentzündung gerettet werden

London - Mehr als zehn Millionen Kinder sterben jährlich, bevor sie fünf Jahre alt werden. 99 Prozent von ihnen lebten in Armut, der Hauptursache von Unterernährung und Krankheit. Etwa zwei Drittel der Kinder - rund 7 Millionen - könnten mit Nahrungsmitteln und vorhandenen Medikamenten gegen Durchfall, Malaria oder Lungenentzündung für vergleichsweise wenig Geld gerettet werden.

Diese Daten präsentieren 25 führende Wissenschafter von Universitäten, der UN, der Weltbank und Hilfsorganisationen in einem aufrüttelndem Schwerpunkt, den das Fachjournal "The Lancet" in den nächsten Wochen druckt. Sie rufen die Regierungen und UN-Organisationen dazu auf, das Überleben der Kinder auf ihrer Prioritätenliste weit nach oben zu setzen.

Die größten Killer

"Die größten Kinderkiller von heute sind Durchfall, Lungenentzündung und Malaria. Genau wie 1980", schreibt die so genannte Bellagio-Gruppe. Sie umfasst Experten von UN-Organisationen, der Weltbank, von Kliniken und Ministerien.

Zu den größten Bedrohungen der Kinder gehören verseuchtes Trinkwasser und fehlende Muttermilch, so Robert Black von der Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore (US-Bundesstaat Massachusetts). Schmutziges Trinkwasser und schlechte Hygiene führten besonders häufig zu Durchfall. Ohne die Abwehrkräfte und die Energie aus der Milch steige das Risiko für Durchfall auf das Siebenfache, für Lungenentzündung noch aufs Fünffache, erklärt der Forscher. Und oftmals kämen die Kinder bereits geschwächt zur Welt, weil schon ihre Mütter nicht genug zu essen hatten.

Vielversprechende Hilfen

Zu den besonders vielversprechenden Hilfen zählen deshalb Lebensmittelhilfen für die Mütter, damit sie Töchter und Söhne stillen können, berichtet das Team um Gareth Jones vom United Nations Children Fund in New York. Hinzu kommen mit Insektengift präparierte Moskitonetze, um die Verbreitung der Malaria einzudämmen. Zudem seien umfassende Schutzimpfungen gegen Masern und die Versorgung unterernährter und ausgedörrter Kinder mit schnell wirksamen, rehydrierenden Getränken nötig. Helfen würden zudem Medikamente gegen Rotaviren, die schwere Durchfälle hervorrufen, und Zink für die Behandlung von Lungenkrankheiten.

Nahrungsmittel

"Wir brauchen nicht auf neue Impfstoffe zu warten, nicht auf neue Wirkstoffe oder neue Technologien", betont Jones. Es komme schlichtweg darauf an, Nahrungsmittel und die bereits vorhandenen Medikamente zu den Betroffenen zu bringen. "Was wir wissen, müssen wir in Aktionen umsetzen."

Die Hälfte der Opfer stirbt allein in den sechs Ländern Indien, Nigeria, China, Pakistan, Kongo und Äthiopien, heißt es in "The Lancet". Gerade 42 Länder verzeichnen demnach gemeinsam 90 Prozent aller Fälle. Lungenentzündung und Durchfall sind die häufigsten Todesursachen. Im Jahr 2000 - nur für diesen Zeitraum liegen exakte Zahlen vor - kamen insgesamt 10,8 Millionen Kinder um.

"Überleben auf die Tagesordnung"

"Das Überleben der Kinder muss wieder auf die Tagesordnung, damit das Wissen schnell in Taten umgesetzt werden kann", schreibt die Bellagio-Gruppe und listet mehrere Schwerpunkte auf. Die erste: Führungsstärke. Zurzeit gebe es weder eine Person noch eine Institution, die diese Rolle übernehme. Die zweite: Starke Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern. Die Autoren verlangen, die Behörden dort in die Lage zu versetzen, die Situation selbst in den Griff zu bekommen. Die dritte: Das nötige Geld muss zur Verfügung gestellt werden.

Kosten

Die Forscher beziffern die jährlichen Kosten auf rund eine Milliarde Dollar (etwa 870 Millionen Euro) für Impfungen, vier Milliarden Dollar (3,4 Milliarden Euro) zur Behandlung von Kinderkrankheiten sowie 2,5 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) für die Bekämpfung von Malaria und deren Prävention. Diese rund 7,5 Milliarden Dollar (6,5 Milliarden Euro) scheinen viel Geld zu sein, schreiben die Forscher. Das relativiere sich jedoch angesichts des Preises eines Flugzeugträgers, der mit zwei Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro) zu Buche schlage. Oder den 17 Milliarden Dollar (14,7 Milliarden Euro), die in den USA und Europa zusammen in jedem Jahr für das Haustierfutter ausgegeben werden. (APA/dpa)

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    Indische Mädchen

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