Bakterien als Restauratoren

27. Juni 2003, 11:02
posten

Erstmals säubern Mikroorganismen ein gotisches Fresko in Pisa

Fast sieben Jahrhunderte lang galt der Freskenzyklus im Kreuzgang des schneeweißen Camposanto von Pisa als einer der größten Italiens. 1500 Quadratmeter umfassten die wertvollen spätgotischen Wandmalereien. Doch 1944 wurden sie bei einem Bombenangriff schwer beschädigt.

Ein Teil der Fresken wurde abgenommen, galt aber auch erfahrenen Restauratoren als kaum zu retten. Die Bombenschäden, unsachgemäße Eingriffe aus früheren Jahrhunderten und die hastige Abnahme hatten die wertvollen Fresken von Spinello Aretino aus 1391 so schwer beeinträchtigt, dass von der Malerei kaum mehr etwas zu sehen war.

Ungewöhnliches Experiment

Die Resignation der Restauratoren ebnete den Weg für ein ungewöhnliches Experiment. Claudia Sorlini, Professorin für Mikrobiologie an der Fakultät für Bodenkultur der Universität Mailand, rückte den nur nur mit Mühe erkennbaren Figuren des Letzten Gerichts mit einer neuen Geheimwaffe zu Leibe: dem Bakterium Pseudomonas Stutzeri.

Die stabförmigen Mikroorganismen, die keine Sporen produzieren, können über 100 organische Substanzen zersetzen. "In wenigen Stunden lösen sie zum Beispiel Molekülverbindungen von Leim völlig auf", schwärmt Sorlini.

Zunächst unterzog ihr Team die Fresken einer Gas-Chromatografie und untersuchte die vorhandenen Schadstoffe. Dann begann die genetische Selektion jener Bakterien, die geeignete Enzyme für deren Entfernung produzieren. Skeptisch beobachteten die Restauratoren, wie die Mikrobiologen die Bakterien mit Watte auf die verkrustete Oberfläche verteilten und nach zwölf Stunden mit einem Pinsel wieder entfernten.

Verblüffender Erfolg

Der Erfolg war verblüffend: Viele der nur in Umrissen erkennbaren Figuren des spätgotischen Meisters aus Arezzo waren nun identifizierbar, erstmals konnte man die Farbtöne wieder unterscheiden. "Den Rest können wir mit Ad-hoc-Enzymen entfernen, um das Fresko nicht durch Feuchtigkeit zu beschädigen", versichert Sorlini. Pisa ist nur die erste Station einer Versuchsreihe, die Projekte in Deutschland, Großbritannien, Griechenland und Estland umfasst. Das weltweit auf die Konservierung von Kulturgütern spezialisierte Mailänder Unternehmen Syremont, das auch die Ötzi-Kühlzelle für das Museum in Bozen entwickelt hat, arbeitet dabei mit den Unis Mailand und Campobasso zusammen.

Zukunftsträchtiges Projekt

"Es ist ein zukunftsträchtiges Projekt", sagt Sorlini zum STANDARD: "Denn Bakterien können nicht nur organische, sondern auch anorganische Substanzen wie etwa Sulfate und Nitrate zersetzen", begeistert sie sich.

Der Stein vieler Kunstdenkmäler etwa wird durch Luftschadstoffe zu Kalziumsulfat, also zu Gips zersetzt, der dann Kristalle ausbildet. Zu dessen Entfernung benutzt man chemische Lösungsmittel. Doch die Bakterium lösen das Sulfat in Gas auf, das sich verflüchtigt. Nach dem Erfolg in Pisa steht nun ein größeres Objekt auf dem Arbeitsprogramm der Mikrobiologin: das griechische Theater in Epidauros. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2003)

Share if you care.