Das mitfühlende Ohr

30. Juni 2003, 12:36
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Zwei Abende mit Nikolaus Harnoncourt bei der Styriarte

Graz - "Die Macht der Musik", so lautet das Motto der diesjährigen Styriarte. Ob es in einer Zeit, in welcher der Wert von Musik durch die Beliebigkeit einer Wellnesskultur mit ihren ständig tönenden Billiglautsprechern langsam dahinschwindet, aber wirklich angemessen ist, die Macht dieser Kunstform zu beschwören, darf relativiert werden.

Nikolaus Harnoncourt, selbst ein Kritiker der akustisch-medialen Überflutungswelle, engagierte sich in zwei Konzerten für das Gegenteil des Konsumhörens: für ein waches, kritisches, vor allem aber lustvolles Lauschen. Die Partner waren bekannt und bewährt. Das Chamber Orchestra of Europe, der Arnold Schönberg Chor und Pierre-Laurent Aimard am Klavier zeigten, dass Musik zu machen Sinn macht; mal heiter, mal todernst, vor allem aber risikoreich und vollgepackt mit Überraschungen.

So gleich zu Beginn des ersten Abends. Beethovens Vertonung von Goethes Meeresstille und glückliche Fahrt wurde unter Harnoncourts Händen zu einer Musik, die in ihrem extremen vibratolosen Pianissimo wie ein gefrorener Klang wirkte. Als hätte sich Morton Feldman über die Partitur gebeugt. Bei der Egmont-Ouvertüre wurde die von Beethoven musikalisierte Metamorphose des Goetheschen Helden zum Märtyrer zu einem Exempel dessen, welche emotionalen Energien Musik entfesseln und steuern kann. Der Wandel von schauerlich stillen Klängen zur tosenden Klangwut wirkte so erschreckend wie anziehend.

Wer einen Höhepunkt in diesen zwar historisch interessanten, inhaltlich jedoch etwas gedrängten Programmen (u. a. Beethovens Chorphantasie, Mendelssohns Psalm 42, Schuberts 5. Symphonie und Lanners Steyrische Tänze) sucht, findet ihn im Zusammenspiel zwischen dem Chamber Orchestra und Pierre-Laurent Aimard bei Beethovens 1. Klavierkonzert. Hier wurde gegeben und genommen, wurde der Gedanke des Konzertierens so sehr verinnerlicht, dass vom Podium mehr improvisatorische Leichtigkeit als philologische Werktreue ausströmte.

Die Voraussetzungen: präzise Klavierarbeit mit einer schönen Balance zwischen beiden Händen, ein motiviertes Orchesterspiel und ein waches und mitfühlendes Ohr am Dirigentenpult.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2003)

Von Robert Spoula
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