Kulturglosse: Jedermanns Ewigkeit

Glosse31. Juli 2012, 18:35
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Salzburg huldigt seinen Göttern

Wem jemals die Ehre widerfuhr, in Salzburg den Jedermann zu spielen, der weiß sich seines Nachruhms zu Lebzeiten sicher. Nehmen wir den vorletzten, tatsächlich noch lebenden Vertreter der Jedermann-Spezies. Peter Simonischek steht aktuell als Brandenburgs Kurfürst auf der Festspiel-Bühne. Trotzdem, so war im Fernsehen zu hören, sprechen ihn die Passanten praktisch pausenlos als Jedermann an.

Wie lebt man als Jedermann privat? Besitzt ein Jedermann das Anrecht auf Privatsphäre? Geht so ein lebenslanger Jedermann in die Fleischselcherei seines Vertrauens und erwirbt zehn Deka Beinschinken (der Getreidegassen-Beinschinken darf allein schon wegen seines Preises für äußerst saftig gelten)?

Damit nicht genug. Nach dem Jedermann-Darsteller ist im Lokal Triangel eine Fischsuppe benannt. Diese Ehre widerfuhr zwar nicht Simonischek, sondern seinem Nachfolger Nicholas Ofczarek. Aber der hört ja, nachdem er sich an das Leben und Sterben eines reichen Mannes endlich gewöhnt hat, schon wieder auf.

Die Fragen lauten nun: Bleibt die Fischsuppe auf der Karte? Oder steuert der nächste Jedermann faschierte Laibchen bei? Ofczarek teilte dem Fernsehen mit, er wolle im Ausgedinge "gärtnern". Es gehört zur Tragik von Jedermann, für die Küchenkräuter erst dann zu sorgen, wenn es für die Suppe bereits zu spät ist. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1.8.2012)

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