Von Ghanzi nach Mongu in Sambia

Blog5. August 2012, 17:15
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Peter Knauseder macht auf dem Weg in Richtung Sambia Bekanntschaft mit trinkfesten Buschpiloten und blamiert die westliche Welt beim Billardspiel

Da es in Ghanzi nicht viel zu tun gibt, verbringe ich die meiste Zeit im Gespräch mit anderen Leuten. So treffe ich etwa den Polizisten David, den Schlagzeuger der wohl einzigen Death-Metal-Band der Kalahari, der von Auftritten in Europa träumt, da - wie er glaubt - die Menschen hier einfach noch nicht reif für seine Musik sind. Oder einen ehemaligen Uniprofessor, der sich langwierig darüber aufregt, dass die Regierung die Rohstoffe an die Chinesen verschleudere und dabei die Natur langfristig zerstört werde.

Botswana ist grundsätzlich ein reiches Land, die Grundversorgung wird durch den Staat sichergestellt, die Infrastruktur ist vergleichsweise gut. Einzig an den San, den Ureinwohnern dieser Gegend mit ihrer ganz besonderen, mit Klicklauten durchsetzten Sprache, scheint dieser Wohlstand relativ spurlos vorübergegangen zu sein.

Ich reise weiter nach Maun am Okawangodelta, wieder sechs Stunden Fahrt durch die Savanne. Ich muss leider gestehen, dass diese ohne Zweifel grandiose Landschaft mit der Zeit doch stark an Reiz verliert.

Gutenachtbier mit Buschpiloten

Danach bin ich relativ erschöpft und will eigentlich nur noch ein kleines Gutenachtbier an der Bar meiner Lodge trinken, doch treffe ich dabei fatalerweise eine Gruppe südafrikanischer Buschpiloten. Alles nette Kerle, die mich schon bald einladen, mit ihnen später noch auf eine Party in der Nähe zu gehen. Da kann und will ich natürlich nicht Nein sagen. Es wird ein sehr lustiger Abend, doch Buschpilot scheint wirklich ein Beruf mit einer erschreckend hohen Alkoholikerquote zu sein.

Ich bleibe einige Zeit in Maun, lasse mich mit einem traditionellen Holzkanu durch die Sümpfe rudern und unternehme, soweit dies möglich ist, einige kleine Wanderungen am Rand dieses faszinierenden Ökosystems.

Auf dem Weg nach Kasane, an der Grenze zu Sambia, strande ich wieder an einer Straßenkreuzung, doch ein netter britischer Safariunternehmer erbarmt sich meiner und nimmt mich in seinem luxuriösen Geländewagen mit. Die Lodge, bei der er mich absetzt, liegt etwas außerhalb der Stadt, mitten in der Wildnis. In der Nacht kommen die Elefanten bis an den Zaun, und ich bin mir in meinem Zelt nicht sicher, ob dieser sie im Zweifelsfall wirklich aufhalten könnte.

Eiskalte Sprachlosigkeit

Von Livingstone aus besichtige ich die Viktoria-Fälle. Ich wusste, dass sie beeindruckend sein würden, doch als ich dann schließlich dort bin, ist es einfach noch viel besser und überwältigender, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich stehe einfach nur staunend davor und habe eine Gänsehaut - wobei dies natürlich auch wegen der Kälte und der Nässe gewesen sein kann. Mir fehlen die Adjektive, um dieses großartige Naturschauspiel angemessen zu beschreiben. Livingstone selbst hat auch durchaus Flair, eine interessante Mischung zwischen einer afrikanischen Stadt und einem Touristenzentrum.

Ich kann nicht genau sagen, warum, doch ich habe mir irgendwie in den Kopf gesetzt, in die Hauptstadt der relativ abgelegenen Westprovinz Sambias nach Mongu zu fahren - vielleicht ein bisschen als Gegenpol zu den letzten Tagen. Obwohl diese Stadt eigentlich nicht wirklich weit entfernt liegt, fahren alle Busse dorthin den großen Umweg über Lusaka.

Die direkte Straße sei sehr schlecht, es würde ewig dauern, und generell sei dies nichts für Muzungus, für Weiße, wird mir gesagt.

Überall Termitenbefall

Zuerst fahre ich einige Stunden den Sambesi flussaufwärts, wo ich sehr idyllisch an seinem Ufer mein Zelt für die Nacht aufschlage. Am nächsten Tag bin ich dann schon um 6 Uhr an dem Parkplatz, wo die Trucks für den schwierigsten Straßenabschnitt abfahren sollen. Einerseits, da ich sichergehen will, an diesem Tag noch bis in die etwa 250 Kilometer entfernte Ortschaft Senanga zu gelangen, und andererseits, weil in der Nacht Termiten Löcher in mein Zelt gefressen haben und ich dies erst bemerkte, als sich schon etwa 50 dieser unangenehmen Tierchen daranmachten, dasselbe mit meinen Beinen zu versuchen, was meinen Schlaf doch recht nachhaltig gestört hat.

Um etwa 10 Uhr fahren wir schließlich los, die Straße ist eigentlich gar nicht so schlecht, es geht halbwegs zügig voran, war also alles doch sehr übertrieben.

Bei einem Zwischenstopp verschwindet plötzlich der Fahrer, wir warten ... und warten. Irgendwann nach circa zwei Stunden taucht er wieder auf, total betrunken! Es ist nicht ganz klar, was passiert ist, er hat wohl einen Bekannten getroffen und darüber vergessen, dass eigentlich ein Truck voller Leute auf ihn wartet.

Doch unser Weitertransport wird schnell organisiert, wir werden auf zwei "normale" Taxis aufgeteilt und sind schon "bald" wieder unterwegs. Dennoch hat die Fähre über den Sambesi in Kalongola ihren Betrieb schon eingestellt, als wir dort um 19 Uhr ankommen, und so werde ich in dem dortigen Guesthouse/Bordell einquartiert.

Feststecken in Afrika

Drei Somalier laden mich ein, mit ihnen zu Abend zu essen. Wir sitzen am Feuer, essen Nshima, eine Art Maisgrieß, und sie erzählen mir von ihren bis jetzt erfolglosen Versuchen, nach Europa zu gelangen. Ich sitze daneben und schweige betreten.

Um 7 Uhr sind wir wieder bei der Anlegestelle. Die Fähre kommt gerade vom anderen Ufer mit einem schon sehr altersschwachen Bus, der - wie hätte es auch anders sein können - beim Runterfahren so unglücklich im Uferschlamm stecken bleibt, dass die ganze Anlegestelle blockiert ist. So vergehen wieder einige Stunden, bis die Hinterräder ausgegraben sind und der Bus weiterfahren kann. Ich erkunde in der Zwischenzeit das Dorf und lasse mich von den Kindern bestaunen, die mir im Respektsabstand hinterherlaufen und "Muzungu, Muzungu" rufen.

Zu Mittag haben wir es endlich auf die andere Seite geschafft und fahren auf der nun wirklich sehr schlechten Straße weiter nach Senanga. Schließlich löst sich noch das Vorderrad vom Wagen und wir landen etwas unsanft im Straßengraben. Doch das kann mich nun auch nicht mehr erschüttern. Die letzten paar Kilometer in den Ort, von dem aus ich weiter nach Mongu fahre, gehen wir zu Fuß. 

Billardspiel für die westliche Welt

Die Stadt überblickt die weite Überschwemmungsebene des Sambesi und ist über einen Kanal mit dem Fluss verbunden. Abgesehen von ihrer schönen Lage hat sie eigentlich nicht viel zu bieten, doch besitzt die Stadt auch einen kleinen, aber dennoch faszinierenden Hafen.

Ich will eigentlich, ohne allzu großes Aufsehen zu erregen, einfach nur dort herumschlendern und die besondere Stimmung genießen, doch schon bald werde ich von immer mehr und mehr Kindern umringt, die die verrücktesten Sachen aufführen, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Da es mir so mit der Zeit immer unmöglicher wird, mich frei zu bewegen, setze ich mich einfach hin und beobachte das geschäftige Treiben. Irgendwann werden die Kinder schon das Interesse an mir verlieren. Sie sind unglaublich ausdauernd. Schließlich werden sie jedoch von der "Dorfjugend" vertrieben, die in mir einen interessanten Billiardgegner entdeckt hat.

Nach einigen Runden, in denen ich in den Augen meiner Mitspieler vermutlich die Ehre der gesamten westlichen Welt verloren habe, ziehe ich mich unter dem Vorwand zurück, ich müsse noch einen Bus erwischen. Die Stimmung war immer alkoholgeladener geworden, und da erst früher Nachmittag war, wollte ich nicht unbedingt wissen, wie sich die Situation gegen Abend hin entwickeln würde.

Ich bleibe noch einen weiteren Tag und fahre dann weiter nach Lusaka. (Peter Knauseder, derStandard.at, 31.7.2012)

Bilder von den Viktoria-Fällen und anderen Gewässern gibt's in einer Ansichtssache.

  • Bilder von den Viktoria-Fällen und anderen Gewässern gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: peter knauseder

    Bilder von den Viktoria-Fällen und anderen Gewässern gibt's in einer Ansichtssache.

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