Bildungskarenz: Blindes Vertrauen

Kommentar30. Juli 2012, 20:01
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Man kann die Meinung vertreten, von einer sechsmonatigen Weltreise eines Mitarbeiters profitiere auch die Firma - Die Frage ist aber, ob das mit Unterstützung des AMS geschehen muss

Es ist höchst an der Zeit, dass die Politik bei der Bildungskarenz genauer hinschaut. Der Standard berichtete bereits vor eineinhalb Jahren darüber, wie leicht beim jetzigen Modell Missbrauch getrieben werden kann und dass es de facto keine Kontrollen gibt, ob überhaupt Fortbildung stattfindet. Die Reaktion damals: keine. Zwar gab es keinerlei valide Daten über die Effizienz dieser Karenzart, dennoch zeigten sich sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber überzeugt, das Fehlverhalten werde sich schon in Grenzen halten. Nach dem Motto: Vertrauen ist gut, blindes Vertrauen ist besser.

Wenn nun in der ÖVP ein Umdenken einsetzt, ist das zu begrüßen. Vor allem da Geringqualifizierte bisher selten in Bildungskarenz gehen. Allerdings wird die Debatte noch immer unehrlich geführt. Es geht keineswegs nur um lebenslanges Lernen, wie gerne vorgegeben wird. Unausgesprochen bleibt: Für die Betriebe bietet die Bildungskarenz eine wunderbare Gelegenheit, bei Auftragsschwankungen Kosten für Mitarbeiter an das AMS auszulagern. Läuft das Geschäft wieder besser, kehren die Beschäftigten zurück. Im Idealfall haben sie sich dann fortgebildet, wenn nicht, wird es die Firmenchefs auch nicht stören.

Dazu kommt das Problem, dass immer mehr Menschen über Burnout und Überlastung klagen. Da man ratlos ist, wie man mit diesem Phänomen der modernen Arbeitswelt umgehen soll, nimmt man ein ineffizientes System in Kauf, bei dem Leute offiziell in Bildungskarenz flüchten, auch wenn sie nie vorhatten, sich tatsächlich fortzubilden. Nun kann man natürlich die Meinung vertreten, von einer sechsmonatigen Weltreise eines Mitarbeiters profitiere auch die Firma. Die Frage ist aber, ob das mit Unterstützung des AMS geschehen muss. Jene Arbeitslosen, denen bei jedem verweigerten Jobangebot das Arbeitslosengeld gestrichen wird, haben dafür wohl wenig Verständnis. (Günther Oswald, DER STANDARD, 31.7.2012)

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