"An österreichischer Indolenz gescheitert"

30. Juli 2012, 19:17
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Der Industrielle Paul Kupelwieser versuchte die Malaria auf Brijuni auszurotten

Brijuni/Zagreb -"Lieber im sicheren Elend als im ungewissen Glück", damit umschreibt Hermann Bahr im Jahr 1909 in seinem Buch Dalmatinische Reise die mutlose Haltung der österreichischen Verwaltung gegenüber Leuten, die damals auf notwendige Innovationen und auf die offensichtliche Vernachlässigung der Peripherie im Gebiet der Monarchie hinwiesen. Diese Resistenz gegenüber einem Reformgeist, die durchaus bekannt erscheint, bekam auch der Industrielle Kupelwieser zu spüren.

Nachdem er eine Zeit auf Brijuni verbracht hatte, erkrankte er schwer an Malaria. Nicht nur auf der Insel, sondern auch auf dem Festland litt etwa ein Drittel der Bevölkerung damals an der Krankheit. Kupelwieser, der Stahlproduzent, versank wochenlang in schwere Fieberträume: "Ich selbst und das Bett, in dem ich lag, war eine große Panzerplatte", erinnerte er sich später. Nach seiner Genesung bemühte er sich, die Malaria auszurotten und gewann den deutschen Nobelpreisträger Robert Koch für das Projekt. Durch die Trockenlegung von Wasserstellen, in denen die Anopheles-Mücke lebte, und durch einen Behandlungsplan für Patienten, vorwiegend mit Chinin, konnte die Malaria stark zurückgedrängt werden.

Indigniertes Sanitätswesen

Kupelwieser wollte das neu gewonnene Wissen weiter vermitteln, damit auch ein Malaria-Programm auf dem istrischen Festland begonnen werden könne. Doch die Gesundheitsbehörden in Wien reagierten indigniert, weil er sich nicht an einen österreichischen Arzt gewandt hatte, sondern an den Deutschen Koch. Der damalige Chef des österreichischen Sanitätswesens, Emanuel Kusy, verlangte einen Bericht von Kupelwieser. Die Nachfrage nach dem Bericht, der eine Anleitung enthielt, wie man gegen die Malaria vorzugehen habe, war groß, und er sollte allen Bezirksärzten, die in Österreich mit Malaria zu tun hatten, zugesandt werden. Doch obwohl vereinbart, wurde der Text nicht gedruckt. Kusys ärztliche Kollegen hatten "dringend vorgestellt, dass es nicht angehe, dass der Bericht eines Nichtarztes, also eines Laien, als Belehrung für Ärzte von den staatlichen Behörden propagiert werde. Dies würde das ärztliche Ansehen herabsetzen." Kusy forderte Kupelwieser auf, den Bericht selbst drucken zu lassen und ihn dann zur Verfügung zu stellen.

Als Kupelwieser Kusy fragte, ob das Vorhaben, die Malaria zu bekämpfen, fortgeschritten sei, sagte dieser, er habe zu viel mit anderen Infektionskrankheiten zu tun. "Es war ein durchaus möglicher Fortschritt zum Besseren wieder einmal an österreichischer Indolenz gescheitert", schrieb Kupelwieser verschnupft.

Bahr hat eine interessante Erklärung für die "Indolenz": "Alle sind einig. Darum geschieht es nicht. Denn wenn in Österreich alle einig sind, glaubt man, dass etwas dahinter stecken muss. Und wenn in Österreich jemand etwas will, glaubt man, dass er eigentlich etwas anderes will; oder doch aus anderen Gründen, als er sagt. Die Regierung kann sich nicht denken, dass es in Österreich anständige Menschen gibt." (awö/DER STANDARD Printausgabe, 31.7.2012)

  • Kupelwieser konnte sich in Wien nicht durchsetzen.
    foto: seebacher

    Kupelwieser konnte sich in Wien nicht durchsetzen.

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