Das China-Syndrom

30. Juli 2012, 18:02
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Beinahe ratlos reagiert die Sportwelt darauf, dass China sich aufgeschwungen hat, die größte Sportnation der Welt zu werden. Man kritisiert Doping, Drill und Zwang, damit aber implizit auch den traditionell westlichen, rekordjagenden Showsport.

London - Es ist schon erstaunlich. Die Welt verhält sich China gegenüber wie Österreich vis à vis der Welt: Da kann was nicht stimmen.

Die schlichte Tatsache, dass eine Nation, die unter 1,3 Milliarden potenziellen Sportlern selektieren darf, gegenüber einer solchen, die das nur unter 311 Millionen (USA) tun kann, deutlich im Vorteil ist, wird nonchalant ignoriert. Stattdessen redet jeder über Doping und Drill und Zwang, als gäbe es das alles nicht auch anderswo. (Außer hier: too small!)

Bei den Heimspielen vor vier Jahren haben die Chinesen in der Goldbilanz die USA mit 51:36 erstmals deutlich abgehängt. Das geschah aber hauptsächlich via olympischen Randsport. Die Chinesen gewannen überproportional (38-mal) im Tischtennis, Badminton, Schießen, Turnen, Gewichtheben, Wasserspringen.

Das nahm die Welt noch hin. Jetzt, in London, scheint China allerdings in den Kern angelsächsischen Sportsgeists vorzustoßen: Sun Yang holte über 400 Meter Freistil den ersten Olympiasieg eines chinesischen Schwimmers. Die erst 16 Jahre alte Ye Shiwen gewann Gold über 400 Meter Lagen, wobei sie auf den letzten 50 Metern schneller war als US-Weltrekordler Ryan Lochte.

Nein, sagt da die 16-jährige Olympiasiegerin vorauseilend oder -blickend gleich: "Es gibt kein Problem mit Doping." Und zwar weil: "Das chinesische Team hat eine strikte Politik, deshalb gibt es kein Problem damit."

Erstaunlich, wie diese Aussage jenen all der anderen Sportnationen - USA und Österreich inbegriffen - gleicht bis aufs Wort. Und erstaunlich, wie sehr man Wert darauf legt, die chinesischen Erfolge madig zu machen. Ältere Semester erinnert das an die Kommentare zu Ostblock-Fußballmannschaften. Die seien bloße "Kollektive". Als wäre " Kollektiv" und "Fußballmannschaft" nicht eh ein Pleonasmus.

Medaillenmaschine

China nennt man nun im olympischen Zusammenhang folgerichtig "Medaillenmaschine". Und das stimmt wohl auch. Allerdings ist China auch eine Wirtschaftswachstumsmaschine, eine militärische Regionalhegemoniemaschine, eine Die-USA-knapp-über-Wasser-halten-Maschine. 1973 publizierte der Franzose Alain Peyrefitte - Schriftsteller, Diplomat, Minister - sein Standardwerk "Quand la Chine s'éveillera - le monde tremblera". Nun ist das in die Vergangenheitsform zu übertragen: China hat sich erhoben - die Welt zittert.

Der Sport ist da nur ein Symptom. Oder, ja: eher noch, ein Syndrom. Dieses Wort ist freilich selber eine Art Syndrom, visualisiert 1979 im gleichnamigen Film mit Jane Fonda, Jack Lemmon und Michael Douglas. In dem ging es um einen atomaren GAU, dessen Folge es wäre, dass der schmelzende Kern sich ins - oder gar durchs - Erdinnere fresse, Richtung China.

Tatsächlich gab und gibt es dieses China-Syndrom. Es leitet sich allerdings her vom englischen Wort für Porzellan - China eben. Und genau das verursacht es auch - durch große Hitze porzellanisierte Erde.

Im sogenannten Westen versteht man das dennoch lieber in Hollywood-Manier. Geradezu erleichtert zitiert man da die Silberne über die 100 Meter Delfin, Lu Ying. "In China heißt es nur lernen, lernen und trainieren, trainieren." Im australischen Trainingslager hingegen "waren wir mit Teamkollegen grillen. Unsere Denkweise hat viele Grenzen."

Ganz ohne Zweifel. Aber auch zweifellos wird China sich darum so viel scheren, wie etwa André Heller damals bei seinen "Begnadeten Körpern" um die Kritik an den traditionellen Ausbildungsstätten der chinesischen Artisten.

China hat sich - nicht nur im Sport, aber da halt auch - erhoben. Österreich, das seinen Untergang ja eh schon hinter sich hat, darf diesbezüglich gelassen sein. So gelassen wie einst Teamchef Leopold Stastny 1973 in London. Da meinte der slowakische Schmähbruder zu quengelnden Journalisten nach dem 0:7 gegen England: "No, was soll ich tun? Soll ich mir die Brust zerfleischen?" (wei, DER STANDARD 30.7.2012)

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