Ratsvorsitzende: Fusionspläne für Uni und Med-Uni Innsbruck "naiv"

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  • "Die Ausgliederung der Med-Unis war aus heutiger Sicht ein richtiger Schritt", sagt Uni-Rats-Vorsitzende Gabriele Fischer.
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    "Die Ausgliederung der Med-Unis war aus heutiger Sicht ein richtiger Schritt", sagt Uni-Rats-Vorsitzende Gabriele Fischer.

Uniratsvorsitzende Gabriele Fischer über ein politisches Hü in Wien und ein Hott in Tirol

STANDARD: Sie sind Uni-Rats-Vorsitzende einer Universität, an deren Abschaffung quasi von höchster Stelle heftig gearbeitet wird: Die Medizin-Uni Innsbruck soll, wenn es nach dem Tiroler Landeshauptmann, dem Tiroler Landtag, aber auch Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, der das schon als Rektor der Uni Innsbruck wollte, geht, wieder fusioniert werden mit der Uni Innsbruck. Eine gute Idee?

Fischer: Evolution lässt sich nicht zurückdrehen. Diese Vorstellung ist naiv. Auch dass Landeshauptmann Günter Platter einen Landtagsbeschluss zur Fusionierung veranlasst, obwohl er als Innenminister in der Ära Gehrer, die als Wissenschaftsministerin die Ausgliederung der Medizin-Unis umgesetzt hat, für die Trennung mitgestimmt hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Dass er jetzt als Landeshauptmann glaubt, er kann Bundesgesetze mit Landtagsbeschlüssen overrulen, kann ich nur so erklären, dass die Betroffenen in Tirol nicht das Gesamtbild der Unis im Blickfeld haben und die Unterfinanzierung im Hochschulbereich insgesamt nicht sehen.

STANDARD: Ein Argument der Fusionsbefürworter: Es wäre billiger.

Fischer: Die Uni Innsbruck hat 15 Fakultäten. Soll die Medizin als 16. Fakultät andere Orchideenfakultäten ergänzen? Die Kosten, die man sich ersparen soll, sind nicht nachvollziehbar, bislang habe ich trotz Aufforderung keine entsprechenden Zahlen belegt bekommen. Es ist eher vom Gegenteil auszugehen, nämlich mit deutlichen Zusatzkosten - schon durch die unterschiedlichen Kollektivverträge. Zudem haben sich alle Gremien der Medizin-Uni Innsbruck gegen eine Eingliederung ausgesprochen. Was man machen muss und woran ja auch an allen Unis Österreichs gearbeitet wird, ist ein Universitätenverbund, um zu sparen und Synergien wirtschaftlich und wissenschaftlich besser zu nützen. Es ist einsichtig, dass ich nicht an beiden Unis Fächer wie Biologie benötige, genauso wenig Architektur an drei Standorten in Wien.

STANDARD: In Tirol ist die Landespolitik recht umtriebig, was die Unis angeht. Landeshauptmann Platter möchte gern neue Uni-Räte mit örtlichem Bezug zu Innsbruck.

Fischer: Das erinnert eher an die Erbhofvergabe. Auch da muss ich daran erinnern, dass Herr Platter seinerzeit ein Uni-Gesetz mitverabschiedet hat, in dem Internationalität gewünscht wurde. Abgesehen davon haben wir ohnedies drei Tiroler im Uni-Rat. Ich musste lachen, ich habe zudem einen Südtiroler Großvater. Die Zusammensetzung der Uni-Räte muss man sich wirklich ansehen, aber nicht nach regionalen Aspekten. Es scheint mir unverzichtbar, dass in Uni-Räten ein Jurist ist und eine Persönlichkeit mit Wirtschaftskompetenz. Ein Problem, um das sich die Tiroler Politik besser kümmern sollte, haben die drei internationalen Experten zum Hochschulbericht benannt: die Privat-Unis, die ja mehr oder weniger landesfinanzierte Länder-Unis sind. Da gibt es in Tirol die " UMIT" für Gesundheitswissenschaften, die immer wiederkehrende Probleme hat, was Akkreditierung und Qualitätssicherung anlangt.

STANDARD: War die Ausgliederung der Medizin-Unis ein Fehler?

Fischer: Die Ausgliederung war aus heutiger Sicht ein richtiger Schritt. Neben Lehre und Forschung haben die Medizin-Unis die Aufgabe der Patientenversorgung, zudem ist die Eigenverantwortlichkeit des Budgets wesentlich, da nicht vergleichbar mit den anderen, u. a. auch durch die Position des klinischen Mehraufwands, der vor dem Uni-Gesetz 2002 mehr oder weniger ein Durchgangsposten war. Das Land bekam vom Bund Geld dafür, dass Patienten auch für Forschung und Lehre zur Verfügung stehen, was für Studierendenausbildung wichtig ist. Mit der Autonomie sind wir zur korrekten Kostenwahrheit verpflichtet.

STANDARD: Im Juni einigten sich Bund und Land, kurz bevor sich der Verfassungsgerichtshof (VfGH) dem klinischen Mehraufwand widmen wollte. Tirol bekommt für die Jahre 2007 bis 2012 380 Millionen Euro. Wie lässt sich das Problem zwischen Med-Uni und Land lösen? Patientenversorgung ist nicht primär Aufgabe der Medizin-Uni.

Fischer: Innsbruck hat eine spezielle Situation, weil das Landeskrankenhaus fast ein Stand-alone-Spital ist, anders als in Wien und Graz. Die Ärzte der Med-Uni Innsbruck sind überproportional in die Patientenversorgung eingebunden, was vom Land abgegolten werden muss und von uns auch in Rechnung gestellt wird. Darum haben wir bislang auch einen Teil des klinischen Mehraufwands, rund 70 Millionen Euro, einbehalten. Das Verhandlungsergebnis vom klinischen Mehraufwand müssen Platter und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle schriftlich korrekt vorlegen, das VfGH-Verfahren ruht solange.

STANDARD: Zu Jahresbeginn wurde an der Med-Uni Innsbruck sogar mit dem Aussetzen der Nacht- und Wochenenddienste gedroht. Schließlich wurde ein Großteil des 5,5-Millionen-Euro-Lochs kurzfristig gestopft durch rückgestellte Gelder, deren Auflösung vom Ministerium genehmigt wurde. Wie ist diese prekäre Finanzlage zu erklären?

Fischer: Ein Problem ist, dass der Kollektivvertrag für Uni-Bedienstete vom Bund nie finanziell abgegolten wurde, das betrifft aber alle Unis. Es gibt aber auch andere Altlasten, z. B. geltende Verträge, die von den früheren Rektoren - Clemens Sorg, der ja vom Uni-Rat abberufen werden musste, und Töchterle - geschlossen wurden. Etwa das Biozentrum, ein theoretisches Forschungsinstitut, wo exzellente Forschung stattfindet, das aber wesentliche Kosten verursacht, vor allem Betriebskosten in atemberaubender Höhe. Diese Mehrkosten machen uns nach wie vor zu schaffen - auch der Stamm-Uni. Da darf man schon kritisch sagen, dass es vermeintliche Interessenkonflikte gibt, wenn der Wissenschaftsminister etwas öffentlich kritisiert, bei dem er Vertragspartner seitens der Uni Innsbruck war. Abgesehen davon hat die Medizin-Uni Innsbruck positiv bilanziert - durch zeitgerechte vom Universitätsrat beschlossene, von Senat und Betriebsrat mitgetragene Sparmaßnahmen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 30.7.2012)

GABRIELE FISCHER (52), Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und -therapie der Medizin-Uni Wien, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2003 im Uni-Rat der Med-Uni Innsbruck.

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