Im Iran wird das Huhn zum Symbol der Krise

Die Folgen der Sanktionen werden von iranischen Politikern gerne kleingeredet. Die Iraner spüren sie aber in ihrem täglichen Leben

Teheran präsentiert sich äußerlich weiter als expandierende, boomende Stadt - deren gepflegte Gärten im Ramadan zu Sonnenuntergang von vielen Fastenbrechern aufgesucht werden. Aber für viele Iraner und Iranerinnen, hier und im ganzen Land, ist der Ramadan, in dem eben nicht nur gebetet, sondern auch viel gefeiert wird, heuer stark getrübt. Für ärmere Familien ist die traditionelle Einladungskultur, die an den Abenden des Fastenmonats gepflegt wird, durch die hohe Inflation beinahe unleistbar geworden. Zucker, Obst sind um ein Vielfaches teurer, und Fleisch erst recht.

Symbol der Krise ist das Huhn - es ist in der iranischen Küche beliebt, aber viele Familien greifen jetzt auch vermehrt darauf zurück, weil ihnen rotes Fleisch zu viel kostet. Die größere Nachfrage allein kann die Knappheit und damit die Preissteigerungen jedoch nicht erklären: Züchter beklagen, dass ihnen das Sojamehl zur Fütterung fehlt. Da ist etwas mit den Importen schiefgegangen - im Interview mit dem STANDARD übte Außenminister Ali Akbar Salehi ja Regierungs-Selbstkritik, als er sagte, die Zusammenlegung von Wirtschafts- und Handelsministerium habe logistische Probleme bei Importen verursacht. Dazu kommen aber auch noch die Probleme durch die Sanktionen im internationalen Zahlungsverkehr. Alles wird langsamer und teurer.

Jedenfalls sind die Hendl-Preise in die Höhe geschossen, auf bis zu fünf Dollar das Kilo. Zwar gibt es billigeres, staatlich subventioniertes Hühnerfleisch, aber vor den Geschäften, die es verkaufen, bilden sich Schlangen.

Viel wird aber auch der jahrelangen verfehlten Wirtschaftspolitik von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad angelastet, vor allem von seinen politischen Gegnern, aber auch von den Menschen auf der Straße. Einer seiner Wahlslogans, nämlich dass er die Öldollars direkt auf die Tische der Iraner bringen wird, fliegt ihm jetzt um die Ohren.

Willkommener Sündenbock

Andererseits mag Ahmadi-Nejad im Moment auch ein willkommener Sündenbock sein: In der Stadt Neishabour wurde vorige Woche eine Demonstrationen gegen ihn geduldet. Gegen die Regierung zu demonstrieren heißt ja nicht, das islamische System an sich infrage zu stellen.

Wobei das Ausbleiben beziehungsweise die Reduktion der Öldollars - mit denen etwa 70 Prozent des iranischen Budgets bestritten werden - durch die internationalen Sanktionen Ahmadi-Nejad alleine nicht anzulasten ist - die Verhandlungen über das Atomprogramm sind reine Chefsache, die der religiösen Führung. Täglich verliert der Iran Einnahmen für ca. ein Million Barrel Öl. Dass die Sanktionen greifen, bestätigen immer mehr Offizielle. Sie heizen die Inflation an - die offiziell bei 25 Prozent liegt, aber höher liegen dürfte - und die Devisenknappheit. Aber immer öfter warten Iraner auch auf staatliche Löhne oder Privatunternehmer darauf, dass staatliche Firmen ihre Rechnungen bezahlen.

Der geistliche Führer Ali Khamenei richtete vergangene Woche einen flammenden Durchhalteappell an seine Bürger: Niemand werde den Iran von seinem Pfad abbringen, der immer schon aus einer Mischung aus Idealismus und Realismus bestanden habe. Andere haben gute Ratschläge parat: Man solle ohnehin nicht so viel Huhn essen, das sei ungesund, predigte unlängst ein Geistlicher. Und der Teheraner Polizeichef forderte TV-Stationen auf, nicht Menschen beim Hendl-Essen zu zeigen, denn das würde den Zorn der Armen auf die Reichen fördern. Und die Kunst der Hendl-Karikatur boomt: Das Huhn, das in der Juwelierauslage angeboten wird, ist das Symbol der Krise. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 31.7.2012)

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