Russischer Sonntag

30. Juli 2012, 17:03
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Valery Gergiev leitete die erste Festspiel-Matinee der Wiener Philharmoniker

Salzburg - "Valery Gergiev und Fortissimo" - eine fixe Gedankenverbindung. Wie viele Nuancen der Meister des fulminanten Getöses aber auch dem Piano abzuluchsen weiß, demonstrierte er bei der ersten Matinee der Wiener Philharmoniker, die auch zur "Ouverture spirituelle" gezählt und mit Igor Strawinskys Psalmensymphonie stimmig eröffnet wurde.

Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor verlieh diesen Gesängen, in denen Lobpreis und Wutschrei bizarre Verbindungen einzugehen scheinen, markante Akzente.

In der Instrumentation von Alexander Rastakov aus dem Jahr 2007 erklangen die Lieder und Tänze des Todes von Modest Mussorgski. Der Tod singt: Als gütiger Vater wiegt er das kleine Kind in den Schlaf. Als Verführer erstickt er die junge Frau mit "festem Arm". Dem betrunkenen Bäuerlein gewährt er einen sanften Tod im Schnee. Und als triumphierender Feldherr lässt er noch einmal die Gefallenen aufmarschieren. Der russische Tenor Sergei Semishkur verlieh den faszinierend dunklen Liedern beängstigende Eindrücklichkeit. Alexander Rastakovs zeitgenössisch-zeitgeistige Akzente, etwa mit E-Gitarren-Sound, setzte Gergiev zurückhaltend ein, quasi als Mittel zur Verstärkung der ironischen Distanz.

Einige Dissonanzen

Mit kammermusikalischer Transparenz und zupackendem Schwung interpretierten Gergiev und die Wiener Philharmoniker die "Fünfte" Prokofjew: jene 1945 in Moskau uraufgeführte Symphonie B-Dur op. 100, bei der - angesichts des großen "Vaterländischen Krieges" und seiner unzähligen Toten - sogar die realsozialistischen Machthaber die eine oder andere Dissonanz gutgeheißen hatten.

Im Allegro marcato schienen sich die einzelnen Instrumentengruppen gegenseitig zu einem immer noch riskanteren Tanz auf dem Vulkan anzustacheln. Bewegend war das Holzbläser-Lamento über zerlegten Akkorden im Adagio, das sich immer wieder gegen das von der kleinen Trommel angeführte Tutti-Crescendo durchzusetzen weiß. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 31.7.2012)

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