Firmen müssen wie Facebook werden

31. Juli 2012, 05:30
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Bis zu eine Billion Euro Wertschöpfung ist drin, wenn Menschen im Job soziale Profile so nutzen wie Word und Excel

13 Stunden pro Woche verbringt man im Büro mit dem Schreiben und Lesen von E-Mails. Addiert man noch Informationssuche und Meetings, sind es gar 28 Stunden, die beispielsweise ein Marketingmanager nur mit Koordination im weiteren Sinne verbringt. Bleiben uns noch 18 Stunden für unsere Kernaufgaben, die da wären: Telefongespräche, Treffen mit Klienten oder das Ausdenken neuer Produktideen. So will es zumindest das McKinsey Global Institute, der forschende Arm des gleichnamigen Unternehmensberaters, in einer weltweiten Studie herausgefunden haben.

Eine von fünf Online-Stunden auf Facebook

Da die Studienautoren unsere Arbeitszeit nicht optimal genutzt sehen, wollen sie Abhilfe schaffen. Soziale Netzwerke heißt das Zauberwort. Ob allgemein zugängliche wie Facebook, Twitter und Xing oder in ihrem Kreis enger gezogene wie Microsoft Sharepoint und Google Docs: Firmen sollen die menschliche Leidenschaft für soziale Netzwerke für ihre Zwecke nutzen. Denn: Mehr als 1,5 Milliarden Menschen nutzen sie, von fünf Online-Stunden wird eine auf Facebook und Co. verbracht. Von den Unternehmen angewandte "soziale Technologien" sollen die Leistung gut ausgebildeter Mitarbeiter wie Produktentwickler und Marketingmanager um 20 bis 25 Prozent steigern.

Kunden für sich arbeiten lassen

Nicht, dass es diese Vorgehensweise nicht schon gäbe: Mehr als 70 Prozent der 4.200 von McKinsey untersuchten Unternehmen wenden sie aktiv an. Etwa, indem sie mit Usern kommunizieren. So suchen viele Firmen online nach neuen Mitarbeitern, lassen von ihren Kunden mögliche neue Logos bewerten oder neue Produktideen ausarbeiten. Der Hashtag (#) auf Twitter war so eine Innovation. Oder die hydraulischen Mountainbike-Schaltungen der deutschen Firma Acros.

Dabei geht es oft gar nicht um konkrete Erfindungen, wie das Beispiel Texas Instruments zeigt. Der Leiterplattenhersteller lässt seine Produkte vorab online testen, um etwaige Verbesserungsideen vor Markteinführung berücksichtigen zu können. Ganz leger geht Coca-Cola mit der Kreativität der Community um. So ließ der Brausekonzern online Fantasie-Getränke mixen, bloß um im Gespräch und somit im Einkaufswagerl zu bleiben.

Ein weiterer, bereits in großem Stil angewandter Social-Media-Kunstgriff hört auf den Namen Data Mining. Facebook ist so ein Datenlieferant, der zum Beispiel einem Wodkahersteller verraten kann, welchen Film oder welche Jeansmarke seine Fans "liken" - also gut finden - oder wie die größten Konkurrenten seiner Zielgruppe heißen. Es hilft dabei, das in den sozialen Netzwerken geformte Unternehmensimage zu steuern. Immerhin lässt sich beim Kauf von Elektronikprodukten wie Laptops oder HiFi-Zubehör schon jetzt jeder Fünfte von Online-Ratschlägen leiten.

Jedem Mitarbeiter sein Profil

McKinsey ortet aber doppelt so viel Potenzial im Arbeitsalltag. Nämlich dann, wenn soziale Netzwerke mit derselben Selbstverständlichkeit verwendet werden wie Word oder Excel. Das Motto dabei: Warum soll die mühsam vom Kollegen aus dem dritten Stock gewonnene Erkenntnis auf dem nur mir zugänglichen Dokument liegen, wenn sie auf meinem Blog oder mit meinem Tweet gleich alle abrufen können? Ergänzungen zum bereits Gesagten finden sie dann in geteilten Infoseiten, beispielsweise auf Google Docs. Gut gemacht, spare so eine Wissensplattform 35 Prozent der Zeit, die Menschen auf der Suche nach Informationen über die eigene Firma verbringen.

Am Ende dieser Entwicklung wird es laut McKinsey Unternehmen geben, die das Inseldenken aufgeben. Das gelte sowohl zwischen Abteilungen ("funktionale Silos") als auch zwischen Firmen selbst. Auf dem Weg dorthin werde das Kommunizieren und Teilen von Inhalten sukzessive in die sozialen Netzwerke wandern. Heute gilt das sogar im Vorreiterland USA nur in fünf von 100 Fällen. Am Ende dieser Entwicklung könnte es umgekehrt aussehen. So wie beim IT-Consulter Bluewolf, wo jeder Mitarbeiter sein persönliches Profil hat. Man sieht auf einen Blick, wer woran arbeitet, welche Texte er oder sie veröffentlicht hat und wie er innerhalb dieses firmeninternen sozialen Netzwerkes interagiert.

Goldmine fur ausgesuchte Branchen

Bringen soll dieses Arbeiten 2.0 natürlich eines - Geld. McKinsey hat seine Leistungsexplosionsschablone über vier Wirtschaftszweige gestülpt: Verbrauchsgüter, Finanzdienstleistungen für Private, Verarbeitende Industrie und Nichtregierungsorganisationen (NGO). Am Ende sind es 700 bis 1.000 Milliarden Euro, die an zusätzlicher Wertschöpfung ausgemacht werden. Die höchsten Chancen, hier mitzuschneiden, hätten NGOs, in Gesundheits- und Bildungswesen aktive Firmen und Medien. Während Banken und Versicherungen, Konsumgüterindustrie und Mobilfunker noch relativ leicht davon profitieren würden, wäre für den öffentlichen Sektor, die Lebensmittelwirtschaft oder die Energieunternehmen der Weg ein steiniger.

Dass aber dabei nicht nur Milch und Honig fließen, sondern auch Gefahren lauern, stellen die Studienautoren gar nicht in Abrede. Das firmenübergreifende Abgleiten in soziale Netzwerke bringe auch Gefahren für das geistige Eigentum, die Privatsphäre oder die Reputation mit. Und könnte traditionellen Geschäftsmodellen ein Ende bereiten. Erstmals angedeutet hat sich das im Musik- und Filmgeschäft. Durch Tauschbörsen, wenn man so will eine Art sozialer Netzwerke für sich, bekam das bisherige Geschäftsmodell der einst so mächtigen Firmen einen Dämpfer. Musikfirmen wie Universal finanzieren sich mittlerweile weniger durch den Verkauf ihrer Musik, sondern mehr durch Konzertkarten und Werbung.

Durch die Einbettung unserer Arbeitsumwelt in soziale Netzwerke wird das Schreiben von Emails abnehmen. Ob wir es aber schaffen unseren Posteingang um 98 Prozent zu reduzieren, wie es dem IBM-Manager Luis Suarez gelungen ist, darf bezweifelt werden. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 31.7.2012)

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    Der "Like"-Button verbindet Menschen mit ähnlichen Ansichten. Und ist eine wertvolle Datenquelle.

  • Hier die gesamte Studie mit Namen "The social economy: Unlocking value and productivity through social technologies".

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  • Im rechten Teil der Grafik ist die Aufschlüsselung der Wochenarbeitszeit zu sehen. Nur 39 Prozent der Arbeitswoche fließen demnach in schöpferische Tätigkeiten wie das Schreiben bei einem Journalisten oder das Austüfteln von Produktideen eines Marketingmanagers.
    grafik: mckinsey

    Im rechten Teil der Grafik ist die Aufschlüsselung der Wochenarbeitszeit zu sehen. Nur 39 Prozent der Arbeitswoche fließen demnach in schöpferische Tätigkeiten wie das Schreiben bei einem Journalisten oder das Austüfteln von Produktideen eines Marketingmanagers.

  • 20 bis 25 Prozent mehr Produktivität sind laut der Studie bei einer gelungen Social-Media-Einbettung drin.
    grafik: mckinsey

    20 bis 25 Prozent mehr Produktivität sind laut der Studie bei einer gelungen Social-Media-Einbettung drin.

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