Das Alte Testament als Attraktion im Wurstelprater

30. Juli 2012, 17:01
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Kirche, Sex und Gewalt vermischt US-Popstar Madonna auf ihrer aktuellen Welttour zu einem Spektakel

Die Musik verkommt zu einem Nebenschauplatz. Ob das gut oder schlecht ist, bleibt offen.

Wien - Es beginnt wie eine Messe mit Glockenläuten. Dazu schwenken Lakaien in Mönchskutten einen mannshohen Weihrauchkessel. Es qualmt. Ein riesiges Kreuz ist zu sehen, das Bühnenbild gleicht einem Kirchenschiff, dem Inneren einer Kathedrale. Schließlich hört man Madonna Grüß Gott sagen: "O my god", sagt sie und legt los.

Eine Frisur wie Elfriede Jelinek, eine Montur wie Emma Peel. So betritt Madonna am Sonntag ihre Bühne im Wiener Happelstation und führt den sakralen Beginn ihres Konzert in eine von Honga-Honga und Gewalt geprägte Blockbustershow über. Das Gewalttätige beschränkt sich natürlich auf die Bühne, dort aber spielt es sich ab: Madonna mit Pistole, Madonna an der Schnapsflasche, Madonna mit Maschinengewehr. Am Anfang versuchte Vergewaltigung, Überfälle, Raub, am Ende Mord, Folter, Blutspritzer - ziemlich ungemütlich das alles und immer wieder mit dem Kruzifix als Blickfang.

Man könnte glauben, Madonna interpretiere auf ihrer laufenden Welttournee das Alte Testament in einer sexy Version. Bei ihrer freien Aufführung tragen die Bücher allerdings Namen wie Gang Bang, Revolver oder Girl Gone Wild und sind als solche Einakter in der Schnittmenge von Sex, Gewalt und Religion. Zumindest wollen die dafür strapazierten Symbole dem Publikum das so weismachen. Ach ja. Und Musik selbstverständlich, aber die vergisst man beinahe.

Dabei gerät die Mission der 53-jährigen US-Amerikanerin ein wenig ins Stocken. Madonna hat ein Problem. Wie der Kirche kommen auch ihr zusehends die Schäfchen abhanden. Statt gut 50.000 Besucher geben in Wien nur rund 30.000 ihrer Schaulust nach; deshalb werden in der Woche vor dem Konzert noch billige Köder ausgelegt: Wer ihr aktuelles Album MDNA um zehn Euro ersteht, bekommt eine Konzertkarte gratis dazu. Das erfreut jene Besucher, die für ihre Karte ohne CD rund 80 Euro abgelegt hatten, nur bedingt.

Aber die Welt, das weiß man, ist leider schlecht. Das zeigt vorne auch Madonna. Der düstere Böller-Pop in der ersten Stunde der Show lässt die harten Jungs von Rammstein wie Teilnehmer eines Pfadfinderlagers wirken. Wer eine gepflegte Werkschau mit einigen aktuellen Songs erwartet, wartet jetzt noch. Hits wie Material Girl oder Into the Groove werden bloß als Fragmente in die Darbietung geschnitten, der überwiegende Rest als Sodom und Gomorrha inszeniert. Darin zählt es wohl zum Besten, was man in diesem Segment der Unterhaltungsindustrie geboten bekommt.

Aufregung und Getös

Dass es sich dabei nur noch um die Illusion eines Konzerts handelt, die in Wahrheit über weite Strecken eine Achterbahnfahrt mit Musik durch einen Themenpark ist, wird in Kauf genommen. Die Aufregung ist so groß, dass man gar nicht erst ins Grübeln kommt. Und Pop lebt von der Erzeugung von Aufregung. Madonna ist da ein Profi, absorbiert angesagte Ästhetiken, die sich in ihrer Show bis zu deren Überfrachtung wiederfinden.

Diesen Grenzgang forciert ihr Zirkus mit entsprechendem Getöse. Dem fehlt zwar die Botschaft, nicht aber die Lautstärke, nein, diesbezüglich kann man Madonna auf dieser Tour nichts vorwerfen. Bei ihr mag es in der Kassa klingeln, beim Publikum in den Ohren. Dabei bemüht sie live - was bei derlei Aufführungen eben noch live ist - relativ selten die Erkennungsmerkmale der zurzeit so angesagten Großraumdisco-Mucke.

Zwar kennt Madonna als ewiges Fähnchen im Stilwind keine Berührungsängste, im Konzert bleibt der Helium-Gesang, das dünnpfiffige Vocoder-Gesäusel der David-Guetta-Schule jedoch weitgehend in der Effektbox. Ja, im zweiten Teil der Show, den Madonna Louise Ciccone im Kostüm eines Funkenmariechens bestreitet, fallen Stücke wie Express Yourself und Give Me All Your Luvin nachgerade funky aus, auch hier wird mit Marschgetrommel ein Höllenlärm erzeugt.

Im dritten Teil werden der Lärm und die Garderobe der Hauptdarstellerin dann zusehends weniger. An dessen Ende singt Madonna, sich in Unterwäsche räkelnd, das Lied vom ewig verliebten Herzschlag (Like A Virgin). Begleitet wird sie nur von einem Klavier und Streichern.

Züchtig geht es in den letzten Konzertabschnitt. Im langen Rock singt Madonna von Abhängigkeiten - und meint natürlich nur jene von der Liebe -, bekennt sich in dieser Konsequenz als Sünderin und fragt im Abba-esken Like A Prayer mit Unterstützung eines Gospelchors um Absolution an. Halleluja!

Es folgt eine letzte weltliche Celebration - dann ist diese eigenartige Messe zu Ende, dann schließt diese kurzfristige Außenstelle des Wurstelpraters wieder ihre Tore. Viele Münder sind noch offen, die Gaukler ziehen weiter. (Karl Fluch, DER STANDARD, 31.7.2012)

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    Madonna Louise Ciccone als Elfriede Emma Madonna. Mit einer martialischen Show erzeugte sie einen eindrucksvollen Themenpark aus Gott, der Welt und all den Versuchungen dazwischen. "Hells Bells" inklusive Absolution.

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