Prozess gegen Pussy Riot hinter verschlossener Tür

31. Juli 2012, 10:39
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Die drei Frauen forderten in einem Lied den Sturz von Russlands Präsident Putin. Kritiker sprechen von einem politischen Prozess

Die Sicherheitsmaßnahmen vor dem Moskauer Bezirksgericht Chamowniki erinnern an einen Mafia-Prozess: Mehrere Einsatzbusse der Polizei stehen vor dem Gebäude, Zäune und Metalldetektoren sichern den Eingang. Ins Gericht kommt man nur mit spezieller Erlaubnis. Dabei stehen weder Unterweltgrößen, noch Auftragskiller vor Gericht. Angeklagt sind drei junge Frauen wegen Rowdytums und religiöser Hetze. Sie sind Mitglieder der Punkgruppe Pussy Riot und haben gegen Staatschef Wladimir Putin in einer Kirche randaliert. Dafür drohen ihnen bis zu sieben Jahre Haft.

Im Februar hatten Pussy Riot ihren "großen" Auftritt. Mit Strumpfmasken bekleidet stürmten sie den Altar der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, Hauptkirche der russischen Orthodoxie, hopsten ungelenk und sangen schief, ehe sie vom Wachpersonal hinausgeworfen wurden. Zum Riesenskandal wurde das jedoch erst, als die Gruppe ihren Auftritt musikalisch unterlegt für das Video Mutter Gottes, erlöse uns von Putin ins Internet stellte. Der Clip wurde im politisch aufgewühlten Vorwahlrussland zum Renner, doch viele Russen waren empört. Die drei Frauen kamen in U-Haft.

Ihr Auftritt in der Kirche sei ein "moralischer Fehler" gewesen, räumt Nadeschda Tolokonnikowa, eine der drei Angeklagten, zu Prozessbeginn nun ein. Es tue ihr leid, wenn sie jemanden damit verletzt habe. Doch die Verletzung der Hausordnung in einer Kirche und religiöse Hetze seien sehr unterschiedliche Dinge. Das harte Vorgehen sei politisch motiviert, weil es gegen Putin ging.

Zu der Einsicht gelangen auch immer mehr Russen. Laut jüngsten Umfragen des Instituts Lewada-Zentrum ist nur ein Drittel der Befragten für eine Haftstrafe von zwei Jahren und mehr. 43 Prozent hingegen sind der Ansicht, dass solch ein Strafmaß übertrieben wäre. Zwar wollen nur vier Prozent die Gruppe freisprechen, doch die meisten sind für eine Geldstrafe oder Sozialarbeit.

"Willkür und Sadismus"

"Wenn es nach mir ginge, hätte ich den Mädchen den Po versohlt und sie nach Haus geschickt", sagte der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, der am Montag vor dem Gericht mit etwa 100 Unterstützern der Gruppe gegen das Ende der Hexenjagd demonstrierte. Sieben Jahre Freiheitsentzug seien "Willkür und Sadismus".

Nur die russisch-orthodoxe Kirche und die Bürokratie zeigen keine Gnade: Patriarch Kyrill nannte den Auftritt Gotteslästerung, für die es keine Rechtfertigung gebe. Auch die Staatsanwaltschaft operiert mit dem Begriff "Gotteslästerung", obwohl dies im laut Verfassung säkularen Russland eigentlich kein Straftatbestand ist.

Und verhandelt wird ausgerechnet vor dem Chamowniki-Gericht, bekannt und berüchtigt aus dem Prozess gegen Michail Chodorkowski. Das Gericht agierte dann auch in gewohnter Weise und hat am ersten Prozesstag alle Anträge der Verteidigung abgelehnt. Die Forderung der Staatsanwaltschaft, Zeugenbefragung und Beweisaufnahme hinter geschlossenen Türen vorzunehmen, wurde hingegen angenommen.

"Ruhe bewahren", hat Premier Dmitri Medwedew vor dem Prozess als Parole ausgegeben. Politisch werde das Gericht nicht beeinflusst, Schuldzuweisungen an Putin und den Kreml seien vor dem Urteil also nicht angebracht, sagte er im Interview mit der Times. Doch an die Unabhängigkeit der Justiz glaubt kaum einer im Land, und so haben vor dem Gericht schon einmal vier Pussy-Riot-Unterstützer in Strumpfmasken das Lied "Mutter Gottes, erlöse uns von Putin" angestimmt. (André Ballin, DER STANDARD, 31.7.2012)

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    Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina auf der Anklagebank.

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    Nadeschda Tolokonnikowa auf dem Weg in den Gerichtssaal.

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