Bildungskarenz steht auf dem Prüfstand

  • Studium oder Dolce Vita? Ob sich Arbeitnehmer in der Bildungskarenz tatsächlich weiterbilden, weiß keiner. Der Gesetzgeber lässt dafür viel Spielraum. Die Wirtschaft fordert strengere Kriterien.
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    Studium oder Dolce Vita? Ob sich Arbeitnehmer in der Bildungskarenz tatsächlich weiterbilden, weiß keiner. Der Gesetzgeber lässt dafür viel Spielraum. Die Wirtschaft fordert strengere Kriterien.

Die Bildungskarenz geht an den Bedürfnissen der Arbeitswelt vorbei, beklagt die ÖVP. Sie nimmt neuerlich Anlauf für ein Modell für Weiterbildung in Teilzeit

 Wien - 1550 Österreicher waren es im Schnitt vor vier Jahren monatlich. 2011 stieg ihre Zahl auf fast 6700. Sie nahmen Auszeit von ihren Jobs und nutzten sie für Weiterbildung. Wie dienlich ihre Bildungskarenz für den Arbeitsmarkt ist, darüber gehen die Meinungen jedoch meilenweit auseinander.

Nicht alle ließen sich in dieser Zeit zu Tauchlehrern ausbilden - sie nutzten sie aber auch nicht für das, was die Wirtschaft von ihnen erwarte, sagt Reinhold Mitterlehner. Das aktuelle Modell der Bildungskarenz ist aus Sicht des VP-Wirtschaftsministers "zu breit, zu unspezifisch" ausgelegt und ohne messbare Wirkung. Primär Höherqualifizierte nutzten es, wie relevant und sinnvoll ihre Bildungsvorhaben seien, überprüfe keiner.

Das Geld dürfe hier nicht mit der Gießkanne ausgeschüttet werden, meint auch die ÖAAB-Obfrau Johanna Mikl-Leitner und beklagt fehlende Treffsicherheit: Die Karenz gehöre stärker auf die Bedürfnisse der Arbeitswelt abgestimmt.

Gelingen soll das nach Meinung der ÖVP über eine zusätzliche Variante der Bildungskarenz, die auf Teilzeit basiert. Die Idee ist nicht neu: Seit Jahren wägen die Sozialpartner entsprechende Modelle ab und sind sich in den Grundzügen einig. Doch es scheiterte stets an den Details. Bis 2013 will die ÖVP das Ganze nun doch umsetzen und sieht sich darob in guten Gesprächen. Der neuerliche Anlauf findet politisch auch Gefallen - Konsens über die Bedingungen gibt es allerdings nach wie vor keinen.

Fragwürdige Studien

Es spießt sich vor allem am Einfluss des Arbeitsmarktservice auf die Art der Weiterbildung. Zum ei- nen müsse man sich die in der Karenz angestrebte Ausbildung vorab ansehen. Zum anderen gehöre auch ihr Erfolg untersucht, sagt Rolf Gleißner, Experte für Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer. "Es hat wenig Sinn, Doktoratsstudien zu finanzieren, ohne zu prüfen, ob sie gemacht wurden."

Eine IHS-Studie habe im Übrigen gezeigt, dass ein Studium den Status am Arbeitsmarkt zum Teil aufgrund der Absenz vom Job sogar verschlechtere, ganz anders etwa als eine Meisterprüfung.

Bildungskarenz an Prüfungserfolge zu knüpfen, bringe diese um, hält Gernot Mitter von der Arbeiterkammer entgegen. Und es könne nicht sein, dass Betriebe oder Dritte Inhalte und Zeit der Karenz diktierten. Das sei autoritäre Einmischung. Abgesehen davon, dass das AMS Bedürfnisse des Arbeitsmarkts in fünf Jahren nicht schon jetzt prognostizieren könne.

Von 1.700 auf 1.500 Euro

Die Idee des neuen Teilzeitmodells: Beschäftigte sollen ihre Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren können. Das AMS zahlt das halbe Arbeitslosengeld dazu. Wer netto 1700 Euro monatlich verdient, käme damit auf ein um 200 Euro geringeres Einkommen. Für Wenigverdiener und gering Qualifizierte sollte das den Zugang zur Bildungskarenz erleichtern.

Zuletzt hatten 17 Prozent jener, die sie in Anspruch nehmen, einen Uni-Abschluss, belegt das Institut für Höhere Studien. 40 Prozent absolvierten eine Lehre, vier Prozent hatten keinen Abschluss.

Man stehe der Teilbildungskarenz offen gegenüber, heißt es im Sozialministerium. Es dürften dabei jedoch ohnehin nötige Ausbildungen nicht ausgelagert und die Kosten der öffentlichen Hand aufgeladen werden. Verhindert gehöre zudem, dass Betriebe sie nutzten, um ihre Auftragsschwankungen abzufedern, ergänzt Mitter.

Der Gewerkschafter Rudolf Kaske begrüßt die Teilzeit-Variante - Voraussetzung dafür sei aber ein Mindestkarenzgeld. Ohne dieses sei sie für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen nicht leistbar.

Dass Bildungskarenz oft für Reisen und Dolce Vita missbraucht wird, wie Arbeitgeber beklagen, sieht Mitter nicht: Das seien Einzelfälle. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 31.7.2012)

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