Bienen-Krise und Euro-Sterben

Analyse30. Juli 2012, 13:50
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Der EZB-Chef bezeichnet den Euro als Hummel, die zur Biene werden muss. Anleihenkäufe helfen ihr aber nur begrenzt

Letzten Donnerstag trat der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi auf den Plan und sorgte mit seiner Aussage, man werde "alles tun, um die Eurozone zu schützen" für Aufsehen. Bei einer Konferenz in London vergangene Woche bezeichnete der Notenbanker den Euro schließlich als Hummel ("bumblebee").

Draghi bezog sich dabei auf den Aberglauben, dass eine Hummel eigentlich ein Wunder der Natur sei, weil sie zwar fliegt, obwohl sie es nicht können sollte. Diese Euro-Hummel müsse sich daher erst zu einer realen Biene entwickeln, was auch geschehe. Wörtlich sagte Draghi: "The bumblebee would have to graduate to a real bee. And that's what it's doing."

Acht Jahre Höhenflug

Warum aber konnte diese Hummel für acht Jahre fliegen, und wieso stürzt sie im Moment ab? Die Antwort liegt in den strukturellen Konstruktionsfehlern Europas, schreibt der Ökonom Paul Krugman in der New York Times. Er zieht einen Vergleich zwischen Spanien und Florida. Beide Länder müssen mit den Auswirkungen der geplatzten Immobilienblase kämpfen. Aber während es in Spanien immer weiter abwärts geht, scheint Florida dies relativ gut wegzustecken. Und warum? Der Grund sei, dass sich Florida auf die Regierung in Washington verlassen kann, die rechtzeitig für die Solvenz der Banken oder für Arbeitslosenhilfe sorgt. In Spanien fehle ein entsprechendes Sicherheitsnetz. 

Der "Flug der Hummel" war deswegen erfolgreich, weil der Höhenflug des Euros über diese strukturellen Probleme hinweggetäuscht hat. Investoren entwickelten mit der Zeit Vertrauen und sie wurden in dem Glauben gehalten, dass es sicher sei, Ländern wie Griechenland oder Spanien Geld zu borgen. Das funktionierte für einige Zeit: Die Immobilienblase führte zu einem Boom in der Bauwirtschaft und Länder wie Deutschland profitierten davon, dass in diese Boom-Länder exportiert werden konnte. Alle waren glücklich.

Bis die Blase platzt

Das alles funktionierte so lange, bis die Blase platzte. Die Jobs in der Baubranche verschwanden, Arbeitslosenraten stiegen auf Rekordniveaus, wo sie jetzt noch sind. Krugman führt aus, dass die hohen Budgetdefizite kein Grund, sondern das Resultat dieser Krise sind. Investoren zogen sich zurück, was gleichzeitig die Kosten für Geldaufnahme erhöhte. Krisenstaaten mussten enorme Sparpakete schnüren, die ihre Misere nur verschlimmerten.

Tabubruch Anleihenkäufe

Die Worte von Draghi beruhigten auf der einen Seite zwar die Anleihenmärkte, schürten aber gleichzeitig die Gerüchte, dass die EZB weitere Anleihen von Krisenstaaten kaufen werde. Die EZB hat Ähnliches zwar schon in der Vergangenheit durchgeführt, die Überlegung jetzt besteht aber darin, dass diese Anleihen direkt den Krisenstaaten abgekauft werden und nicht, wie bisher, am Sekundärmarkt. Das würde versteckter Defizitfinanzierung gleichkommen, was der EZB aber laut Satzung verboten ist. Mario Draghi hat sich in vielen Kommentaren daher schon den Spitznamen Bazooka-Draghi eingehandelt.

Eurozonenchef Jean-Claude Juncker hat heute zwar vor dem Zerfall der Eurozone gewarnt, sich aber zu entsprechenden Anleihenkäufen eher vage geäußert. Einzig: Die Unabhängigkeit der EZB werde nicht angetastet.

Inflation vs. Defizitfinanzierung

Krugman hingegen bringt zwei Lösungspunkte zur Sprache: Zunächst sei es wichtig die Kosten fürs Geldausleihen in den Krisenländern zu senken. Im zweiten Schritt soll den Schuldnern die gleiche Chance gegeben werden, sich aus der Krise „hinaus zu exportieren", so wie es in Deutschland während der guten Jahre passiert ist. Es müsste daher ein ähnlicher Boom in Deutschland stattfinden, wie es in Südeuropa zwischen 1999 und 2007 geschehen ist. Die Anleihenkäufe durch die EZB würden dem ersten Punkt entsprechen, nämlich die Kosten für frisches Geld nach unten zu drücken.

Das würde aber auch bedeuten, dass Deutschland ein etwas höheres Inflationsniveau zulassen müsste. Die Politik weigert sich im Moment aber, genau dies zu tun. Im Gegenteil: Es wird nach wie vor auf der Erfüllung der Sparpakete beharrt. Deutschland durchkreuzt also Draghis Pläne, auch wenn er, wie Krugman ebenfalls anführt, diese Einwände umgehen könnte. Im Moment spießt sich laut Krugman also die Situation zwischen dem (direkten) Ankauf von Staatsanleihen und Deutschlands Akzeptieren höherer Inflation zur Lösung der Krise.

Hühner statt Bienen

Die derzeitige Konstellation aus EZB und nationalen Regierungen kann daher als „Game of Chickens" bezeichnet werden. Damit ist ein Spiel gemeint, bei dem zwei Teilnehmer ungebremst aufeinander zurasen. Wer zuerst ausweicht, hat verloren und wird zum feigen „Huhn". Wenn aber keiner ausweicht, zahlen beide Beteiligten drauf. 

Wenn die EZB also tatsächlich Anleihen direkt ankaufen sollte, wird sie es vermutlich schaffen, die Zinsen für Staatsanleihen unter die kritischen Werte zu drücken. Das größte Problem ist daher nicht nur, dass sie in diesem Spiel mit den Regierungen der Eurozone ihre eigenen Positionen aufgibt. Denn das bedeutet, dass sie einen Teil ihrer Unabhängigkeit verliert und zum „lender of last resort" wird (die Notenbank würde zum Kreditgeber der letzten Zuflucht werden, dagegen hat sie sich immer gewehrt). Vor allem geht für die Politik der Anreiz verloren, Staatsreformen durchzusetzen. Für ein Beheben der strukturellen Mängel Europas, wäre aber genau das notwendig. (Clemens Triltsch, derStandard.at, 30.7.2012)

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    Eine Hummel macht sich angeblich keine Gedanken darüber, ob sie fliegen kann oder nicht. Sie tut es einfach.

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