Die Olavsfestdagene in Trondheim

Nicole Quint
30. Juli 2012, 16:52

Trondheim feiert ab heute zum 50. Mal die Olavs-Festtage. Zu Ehren des einstigen Königs wirft sich die Stadt in mittelalterliche Schale

Einst war Trondheim die norwegische Schaltstelle für Politik, Religion und Wirtschaft. Die Geschichte dieser Stadt ist eng mit einem der bedeutendsten Herrscher des Landes, Olav II. Haraldsson, verbunden. Ihm zu Ehren kündigen Fahnen und Plakate alljährlich die sogenannten "Olavsfestdagene" an, die heuer von heute an bis einschließlich 4. August über die Bühne gehen.

Klein, dick und rothaarig soll dieser Olav gewesen sein, und weil seine Leibesfülle zu Lebzeiten wohl als seine bemerkenswerteste Eigenschaft galt, wurde er prompt Olav II. der Dicke genannt. Die Korpulenz tut der Prominenz keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mehr als tausend Jahre nach seiner Geburt wird der dicke Olav immer noch mit Kultur- und Kirchenfest samt Messen, Konzerten, Stadtwanderungen, historischen Schauspielen und einem Mittelaltermarkt befeiert.

Das einwöchige Festival ist keineswegs bloß eine Marketingidee des Trondheimer Touristenbüros, denn Sehenswürdigkeiten gibt es hier zur Genüge: Museen, Kunstgalerien, Theater, bunte Speicherhäuser an der Nidelva und breite Boulevards mit "koselige kaféer", also gemütlichen Cafés, und preisgekrönten Restaurants. Nicht zuletzt steht in Trondheim der Nidaros-Dom, Skandinaviens größter Sakralbau. Genau hier liegen Olav und die Gründe für seine Verehrung begraben.

Es gibt viele Varianten der Legende. Stadtführer präsentieren meist die Schulbuchversion: So soll Olav II. das Christentum nach Norwegen gebracht, die Dänen vertrieben und das Reich geeinigt haben. Besonders beliebt war der König übrigens nicht, denn er regierte nicht nur mit Geschick, sondern auch mit Gewalt. Der Widerstand gegen ihn wuchs und trieb ihn schließlich zu seinem Schwager ins Exil nach Kiew. Er starb bei dem Versuch, sich sein Reich zurückzuerobern, am 29. Juli 1030 in der Schlacht bei Stiklestad.

Wenn es eine Institution gibt, die weiß, dass Legenden mehr taugen als Wahrheiten, dann ist es die katholische Kirche. Ein Jahr nach seinem Tod wurde der König heiliggesprochen - und sein Schrein wurde zum wichtigsten skandinavischen Wallfahrtsziel des Mittelalters. Ein "Jerusalem des Nordens" soll Trondheim im 12. und 13. Jahrhundert gewesen sein. In Massen kamen Pilger aus ganz Europa, um einerseits Buße zu tun, andererseits Waren zu verkaufen, Neuigkeiten zu erfahren und sich unterhalten zu lassen. Diese Tradition aus Religion, Kultur und Kommerz wird auf dem Mittelaltermarkt, der anlässlich der Olavs-Festtage im Hof des Erzbischöflichen Palais veranstaltet wird, fortgesetzt.

Kleider machen hier tatsächlich Leute: Aus einem geschniegelten Bürokaufmann wird dank Filzhutes, Schnürhemds und Landsknechthose im Nu ein mittelalterlicher Feldarbeiter. Andere Markthändler haben sich mit Hauben, Kutten und Tuniken in Mägde und Minnesänger, in Schmiede, Gaukler und edle Ritter verwandelt. So gewandelt verkaufen sie "Mandlar" und "Knäckäpplen", Mandeln und Liebesäpfel.

Man darf wieder pilgern

Unter den Marktbesuchern sind auch etliche Pilger, die sich mit Wanderstäben und Jakobsmuschel-Ketten aufgemacht haben, um rechtzeitig zum Olsok, der Olafswache am 29. Juli, in Trondheim sein zu können. Mehr als 400 Jahre lang, nämlich bis zum Jahr 1953, stand das Pilgern in Norwegen unter Strafe, denn der Stolz auf den katholischen König passte den Lutheranern nicht ins reformatorische Konzept. Heute kriegt jeder, der die letzten hundert Kilometer nach Trondheim gewallfahrtet ist, einen Olavsbrief als Pilgerbeweis und kann sich anschließend am Mittelaltermarkt stärken.

Dort schmoren Fiskeboller und Lammeintopf, und nach dem Essen gibt es Karsk. Das ist schwarzer Kaffee, den man so lange mit Schnaps verdünnt, bis der Tassenboden zu sehen ist. Damit kann man Olav II. zuprosten. Gemeinsam mit 76 anderen Skulpturen ziert er die Westfassade des Nidaros-Doms. Unter all den großgewachsenen und dünnen Propheten, Aposteln, Bischöfen und Heiligen der Christenheit sucht man allerdings vergeblich nach einem kleinen Dicken. Aus dem fülligen Herrscher machte der Bildhauer einen schlanken Heiligen mit Axt im Anschlag. Zur Zeit der Olavfestdagene ist er leichter erkennbar - da trägt er einen Blumenkranz. (Nicole Quint, Album, DER STANDARD, 28.7.2012) p

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