Wo die Bilder tanzen lernen

29. Juli 2012, 18:41
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Superamas und [8:tension] über die Live-Bewegungen des Visuellen

Wien - Eigentlich war diese Talk-Show nur eine Vorarbeit für ein Stück, das erst im Herbst uraufgeführt wird. Impulstanz zeigte im Rahmen der ins Festival integrierten Choreographic Platform Austria (CPA) ein von der Gruppe Superamas im Odeon inszeniertes Panel zum Thema "Perspective & Representation / Painting & Politics in Western and Islamic Societies" , dessen Inhalt ein Teil der neuen Arbeit Theatre sein soll.

Was hat eine Podiumsdiskussion mit Tanz und Theater zu tun? Keine schwere Frage, denn Vortragende und diskutierende Intellektuelle an einem Tisch werden stets auch als Performer wahrgenommen. Ihr "Theater" wurde von Superamas beinahe eins zu eins in eine künstlerische Form übersetzt. So konnte das Publikum den Überlegungen einer Mediävistin und zweier Kunsthistoriker zur Bildlichkeit in der islamischen Kultur und zur Politik der Perspektive in der westlichen Malerei folgen.

Es war ein Tanz von Lesarten und Ansichten, der auch für die Lektüre gegenwärtiger Bilderwelten relevant ist. Die Bilderwelt des Tanzes führten Superamas in ihrer Talk-Show explizit mit zwei Beispielen vor. Und in einer weiteren Folge ihrer Impossible Movement Series spielten auch Andrea Maurer und Thomas Brandstätter im Arsenal den visuellen Aspekt im Tanz mit Filmbezügen aus, indem sie Live-Bilder in Filmtrick-Sequenzen übersetzten.

Die Impulstanz-Reihe [8:tension] zeigt ebenfalls, wie wichtig die Bewegungskomposition des Körpers zusammen mit Bildlichkeit und Repräsentation in der Gegenwartschoreografie geworden ist. Dazu vier Beispiele: Eeva Muilu und Milja Sarkola mit In Human Disguise, Azra Ibrahimovic, Aleksandar Georgiev und Jovana Rakic Kiselcic in Concerto for three bodies, An Kaler mit Insignificant Others und Florentina Holzinger in ihrem Solo Silk.

Die Finninnen Muilu und Sarkola öffneten den Blick auf eine dringend therapiebedürftige Gesellschaft, die mit dem Anblick des unbekleideten menschlichen Körpers immer noch nicht umgehen kann. In Human Disguise ist ein Bruch mit dem Fetisch des populären Werbekörpers. Die Szenen und Bewegungen in dieser klugen Arbeit dienen vor allem dazu, den Zuschauerblick an die Existenz nackter Frauen so zu gewöhnen, dass zynische oder andere aggressive Hysterien im Verlauf der Performance ausklingen können.

Unterschiedlicher als die beiden Auslandsösterreicherinnen An Kaler (Berlin) und Florentina Holzinger (Amsterdam) könnte die Auseinandersetzung mit der aktuellen Destabilisierung des Normkörpers nicht sein. In Holzingers trashiger Akrobatik wird die Idee der Zuordnung generell infrage gestellt, und in Kalers kühlem Ambiente verlieren die Geschlechterzuordnungen ihre Eindeutigkeit. Kalers expressives Trio lässt sich gut mit dem von Ibrahimovic, Georgiev und Kiselcic zusammenlesen, dessen Wiederholungsrhythmen die Körper der Tänzer in abstrakte Muster überführen. Obwohl vor allem Holzinger noch an der Dramaturgie ihres mutigen Stücks feilen müsste, sind diese sämt- lich jungen Arbeiten inhaltlich extrem spannend.    (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 30.7.2012)

[8:tension] bis 9. August

  • Auflösung der Geschlechterzuordnungen: "Insignificant Others" mit Alex Baczynski-Jenkins, Antonija Livingstone und An Kaler (v. li.).
    foto: würdinger

    Auflösung der Geschlechterzuordnungen: "Insignificant Others" mit Alex Baczynski-Jenkins, Antonija Livingstone und An Kaler (v. li.).

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