Frauen: "Lieber Chef sein, als Chefs haben"

23. Juli 2012, 19:00
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Geringe Zuverdienstgrenzen und fehlende Kinderbetreuung in der Karenz zwingen zum reinen Hausfrauendasein

Wien - Janina Gatzky sieht keine gesetzlichen Anreize, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Hätte sie ihre Arbeit als selbstständige Übersetzerin aufgegeben und wäre nach der Geburt ihrer Kinder Hausfrau geworden, wäre sie finanziell belohnt worden. So aber zahlte sie erst kürzlich das gesamte Kinderbetreuungsgeld für ein Jahr zurück. Zu hoch war ihr Verdienst während der Karenz.

Angestellt war sie noch nie, Freiheit sei ihr wichtiger als Sicherheit, sagt die Dolmetscherin. Doch mit zwei Kindern seien maximal 20 bis 30 Arbeitsstunden in der Woche drinnen. Die Beiträge an die Sozialversicherung laufen in dieser Zeit weiter. Sie wolle ihren Betrieb aufrechterhalten - "sobald man Kunden ein- bis zweimal vertröstet, sind sie weg". Doch die niedrigen Zuverdienstgrenzen in der Karenz ließen dies kaum zu.

Sie wolle Eigenverantwortung übernehmen und dem Staat nicht auf der Tasche liegen, aber sie frage sich, welches Rollenbild dieser vermittle. "Wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen wird hier konterkariert. Und ohne sie bleibt Emanzipation ein Lippenbekenntnis." Bei Rückzahlungen des Kinderbetreuungsgeldes werde offenbar davon ausgegangen, dass ein Ehepartner dafür aufkomme.

Zu teure Krabbelgruppen

Mehr als ein Fünftel aller Ein-Personen-Betriebe geht der Selbstständigkeit nebenberuflich nach. Fast jede zweite Frau zwischen 30 und 50 ist teilzeitbeschäftigt. Bei Männern ist die Quote nur zu Beginn und am Ende des Erwerbslebens hoch. Der wichtigste Grund für Teilzeit ist Kinderbetreuung.

Viele Frauen wollen auf eigenen Füßen stehen, lieber Chef sein als Chefs haben, sagt Petra Gregorits, Vorsitzende der Frau in der Wiener Wirtschaft. Sie vermisst hierfür aber leistbare Betreuungseinrichtungen für Kinder bis zu drei Jahren. Zudem gehöre Unternehmertum in ein besseres Licht gerückt. "Das sind Leute, die gestalten wollen." Viele stünden sich jedoch nicht die Zeit für Weiterbildung zu. "Als Unternehmer muss ich über Buchhaltung Bescheid wissen. Daran führt kein Weg vorbei." Das Argument, sich keinen Steuerberater leisten zu können, lässt sie nicht gelten. "Ich repariere mein Auto ja auch nicht selber."

Zwei Jahre braucht es in der Regel, bis ein Ein-Personen-Betrieb in die Gänge kommt. Viele sichern sich in dieser Phase mit unselbstständigen Jobs ab. Frei nebenbei wird meist 15 bis 18 Wochenstunden gearbeitet. Durchschnittlich vier bis fünf Jahre dauert es, bevor der selbstständige Zweitjob letztlich zur Haupttätigkeit wird, zeigt eine Analyse des Forums zur Förderung der Selbstständigkeit. Fast ein Viertel der Österreicher mit Zweitjob seien Akademiker.

Gefördert werde Teilzeitarbeit nicht, nur wer mit Haut und Haaren selbstständig sei, dürfe Unterstützung erwarten, wird im Forum beklagt. Die staatlichen Mittel seien begrenzt, heißt es in der Wirtschaftskammer. Fördergelder seien auf jene ausgerichtet, die größere Strukturen und Jobs schafften. Was an der Realität der Selbstständigen vorbeigehe, wie wiederum diese meinen. Denn Ein-Personen-Unternehmen blieben vorwiegend Solisten. Alles andere sei reines Wunschdenken. "Wer klein denkt, der wird klein bleiben", ist Gregorits überzeugt. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 30.7.2012)

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    Um ihre Kunden nicht zu verlieren, arbeiten viele selbstständige Frauen nach der Geburt ihres Kindes Teilzeit weiter. Dabei stoßen sie aber nicht nur an Zuverdienstgrenzen.

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