Opernlabyrinth der inszenierten Ratlosigkeit

  • Spärlich bekleidet zur Prüfung in der Felsenreitschule: Bernard Richter (als Tamino) und Julia Kleiter (als Pamina), umgeben von den in Feuerschutzanzüge gesteckten Wissenschaftern.
    foto: apa/barbara gindl

    Spärlich bekleidet zur Prüfung in der Felsenreitschule: Bernard Richter (als Tamino) und Julia Kleiter (als Pamina), umgeben von den in Feuerschutzanzüge gesteckten Wissenschaftern.

Premiere der "Zauberflöte" in der Felsenreitschule: Gute Sängerleistungen und ein profunder Concentus Musicus beleben die dürftige Regie von Jens-Daniel Herzog

Salzburg - Es ist den Wiener Philharmonikern zu danken. Intern hatten sie das Angebot, mit Nikolaus Harnoncourt in Salzburg Die Zauberflöte zu erarbeiten, abgelehnt. Und es hat sich ausgezahlt. Schon die Ouvertüre erreicht in der Felsenreitschule ein glanzvolles Maß an Transparenz, von der die kontrapunktischen Delikatessen und die kontrastvolle Instrumentation erhellt werden.

Hernach wird der Zauber der in sich stimmigen Ausdrucks- und Tempodramaturgie zwar nicht mehr übertroffen werden. Allein, das kühle Glitzern des historisch informierten Concentus Musicus blieb mit seiner Flexibilität wohl der einzige zureichende Grund, die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele interessiert durchzuhalten. Eine Flexibilität, die Harnoncourts - aus der subjektiv-originellen Auslegung von Partitur und Bühnensituation erwachsenden - Absichten zumeist konzentriert umsetzt. Natürlich gab es Momente, da auch Harnoncourt die Noten nur indifferent durchzuwinken schien. Und auch die eine oder andere Pointe hätte mehr Blechbläser-Stabilität vertragen. Dennoch: Harnoncourts Fähigkeit, den szenischen Atem überraschend vom poetischen Fließen zu ruppiger Prägnanz zu führen, bleibt das tragende Fundament einer flachen Inszenierung.

Regisseur Jens-Daniel Herzog siedelt das Geschehen in einer containerartig wirkenden Konstruktion an, die sich zu einem Labyrinth aus unzähligen Türen weiten kann oder sich zum Zimmerchen verengt (Bühnenbild: Mathias Neidhardt). Das lässt bisweilen elegante Szenenwechsel zu, macht jedoch die Inszenierung letztlich atmosphärefrei. Eine Inszenierung, die Sarastros Welt als Lehr- und Forschungsanstalt definiert, in der Harry-Potter-artige Jünglinge mit einer Fernsteuerung die mit zahllosen Drähten frisierte Papagena (solide Elisabeth Schwarz) zappeln lassen.

Maschinenartiger Sarastro

Sarastro (profund Georg Zappenfeld) selbst ist auch ein bisschen maschinisiert: Um seinen Hals hängt blinkend der Sonnenkreis, von dem ein Schlauch zum Hinterkopf des Oberlehrers führt. In diese Welt der wissenschaftlichen Rationalität, die sich besonders integer gibt, platzt die Königin der Nacht (Mandy Fredrich ist intensiv, erwischt aber nicht alle Koloraturtöne) dann als gekränkte Diva und Symbol der Unbeholfenheit dieser Inszenierung. Da ist weder glanzvoller Auftritt noch menschliche Erdung. Nur szenische Verlegenheit.

Auch insgesamt: Es bleibt alles ein mit müden Pointen gespicktes Ideenmittelmaß und ein in Dialogen schleppend voranschreitendes, träges Theater. Herzog ist weder Herr des riesigen Raumes noch der Figuren. In der Absicht, Die Zauberflöte von Symbollast zu befreien und ihr Spielleichtigkeit zu verleihen, hat er sie in das Nirgendwo der szenischen Unbeholfenheit und der modernistischen Klischees geführt. Immerhin: Wenn sich am Ende die Königin der Nacht und Sarastro streitend am Boden wälzen, während Pamina (steigert sich zu einer Glanzleistung: Julia Kleiter) und Tamino (Bernard Richter verfügt über magischen Glanz, diskrete Poesie möge dazukommen) wie auch Papageno (Markus Werba gibt den hedonistischen Lebemann souverän und klingt tadellos) und Papagena belustigt mit Kinderwagen in Richtung biedermeierliches Glück an ihnen vorbeispazieren, kommt etwas szenisches Leben auf.

Zu spät, um dieser ersten Premiere der Ära Alexander Pereira festspielwürdigen Charme zu geben. Natürlich hatten auch Pereiras Vorgänger mit der Zauberflöte ihre liebe Not (am besten noch Achim Freyers zirkusartige Version in der Ära Mortier). Gemessen an den Mozart-Ideen, die ein Claus Guth bei den Da-Ponte-Opern in den letzten Jahren entwickelt hatte, ist das nun jedoch ein szenischer Rückschritt in die Regieprovinz. Allerdings konnte Guth auch im kleineren Mozarthaus seine Eleganz erarbeiten und nicht in diesem heiklen Riesen namens Felsenreitschule. Applaus für alle, für die Regie auch reichlich Buhs.   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 30.7.2012)

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