Krieg ist doch kein Lorbeer-Winden

  • Vom Wahnsinn umjubelt, stürzt sich Homburg (August Diehl) in die Schlacht. Den hingemähten Golz (Marcus Kiepe) hat er gebissen. Die Festspiel-Inszenierung übersiedelt im Herbst an die Wiener Burg.
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    foto: apa/barbara gindl

    Vom Wahnsinn umjubelt, stürzt sich Homburg (August Diehl) in die Schlacht. Den hingemähten Golz (Marcus Kiepe) hat er gebissen. Die Festspiel-Inszenierung übersiedelt im Herbst an die Wiener Burg.

Von famoser Klugheit ist Andrea Breths Deutung des "Prinzen Friedrich von Homburg" im Salzburger Landestheater. Ihr umjubelter Festspiel-Kleist zeigt eine Kriegsgesellschaft am Abgrund

Salzburg - Der Prinz von Homburg (August Diehl) ist ein übel Vorgeführter. Wie ein ausgesetztes Haustier kauert er träumend nachts im Fehrbelliner Schlossgarten. Die Haare stehen ihm zu Berge, in seinem Schoß hält er ein paar kümmerliche Lorbeerzweige. Aus ihnen flicht er, der kaum weiß, wie ihm geschieht, den ersehnten Siegeskranz.

Von hinten aber, aus der Tiefe von Martin Zehetgrubers Bühne im Salzburger Landestheater, tastet sich die märkische Adelsgesellschaft wie ein Kreis von Verschwörern heran. Die Laternen erzeugen ein weißes, widernatürliches Licht. In ihm findet der Titelheld von Heinrich von Kleists Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg zur ihm gemäßen Lebensform, zur einzigen, die einige Dauer verheißt. "Arthur" - wie ihn Kamerad Hohenzollern (Roland Koch) allzu vertraulich nennt - ist zur Gipsstatue erstarrt.

Alles, was Homburg in Andrea Breths bestürzend kluger, tarierter Kleist-Inszenierung fortan begegnet, gleicht einem Leben aus zweiter, unzuverlässiger Hand. Homburg, der die "Reuter" des Kurfürsten in die Schlacht führt, empfindet sein Dasein am intensivsten, wenn er träumt. Das Vorspiel im Schlosspark, diese merkwürdige Introduktion, leitet sogleich in die Wachphase über. Und was man im Laternenschimmer noch für die Pfeiler eines Palastbaus hätte halten können, entpuppt sich bei Tag als ein wahrer Wald des Schreckens, ein von Kugeln zerrissener Skelettgarten. Kahle Stämme ragen in die mit Pulverrauch verhangene Luft. Homburg, der nicht weiß, wie ihm geschehen ist - der Kurfürst (Peter Simonischek) hatte mit dem Somnambulen einigen Schabernack getrieben -, sitzt auf einem gefällten Stamm: ein letzter Mensch.

Sobald er in die Schlacht zieht, bemächtigt sich ein unangenehmer Blutdurst des Jünglings. Während sein Rittmeister Kottwitz (Hans-Michael Rehberg) an den herumliegenden Stämmchen die Muskulatur kräftigt, fällt Homburg von einer Raserei in die nächste. Er soll in die mit den Schweden angezettelte Schlacht nicht eher eingreifen, als der Befehl dazu an ihn ergangen ist. Aber Homburg leidet an akutem Flintenfieber. Er springt den Rittmeister von der Golz (Marcus Kiepe) wie ein Tollwütiger an und beißt ihm ein Stück Fleisch aus dem Hals heraus.

Am Vernunftgebrauch ist bekanntlich nicht nur Kleist (1777- 1811) irre geworden. Breths Festspiel-Inszenierung, weit davon entfernt, dem Text irgendwelche neuen "Entdeckungen" abzupressen, wühlt tiefer in den Versen, als es manchem behagen mag. Ihr Homburg ist, noch ehe er zum " Täter" werden kann, vom Krieg restlos zerstört.

Und so bekommt noch seine Werbung um die Prinzessin Natalie von Oranien (Pauline Knof) etwas Dummdreistes mit auf den Weg. Am Hof des Kurfürsten begegnen einander die handelnden Personen wie Figurinen. In einem Milchglas-Container mit verschiebbaren Wänden ist kein Wort ungestörter Verständigung möglich. Die Kurfürstin (Andrea Clausen) steht verfrostet im Vordergrund. Bedeutungsvolle Blicke werden eher durchkreuzt als einverständig gewechselt. Homburgs schüchterner Versuch, den in der Nacht einbehaltenen Handschuh Natalies an diese zurückzuerstatten, stellt eine Störung dar. Eine Gesellschaft, die doch ganz aus dem Krieg heraus existiert, ist nicht fähig, mit ihren Versehrten menschenfreundlich umzugehen.

Breth kratzt aber noch eine andere Pointe aus dem intriganten Geschehen heraus. Der Kurfürst stellt Homburg wegen Befehlsverweigerung vor ein Kriegsgericht. Und während der jugendliche Nervenkranke im Kerker an Kinkerlitzchen glaubt, wechselt das Spiel auf die Ebene des Ernstes. Politik ist die Fortsetzung der Vernunft mit anderen Mitteln.

Sexueller Übergriff

Simonischek bildet das dunkle, vulkanisch schimmernde Rätsel des ingeniösen Abends. Er steht im Kerzenlicht am Kartentisch und lauscht finster Natalies Gnadengesuch. Die Gewährung der Bitte, die er in einen Brief voll bösem Hintersinn kleidet, führt zum schlimmsten Übergriff. Der Kuss nämlich, den der Fürst seiner Nichte aufzwingt, erfüllt den Tatbestand sexueller Nötigung. So wie Homburg seine Werbung um Natalie nur wie einen Blitzkrieg entfesseln konnte, vermag auch Simonischek nur zu nehmen, wo er zu geben versprach.

Breths Inszenierung ist ein verlockendes Konzertstück der Dissonanzen. Im Widerschein der Kriegsbagage in schwarzen Mänteln - im Zusammenspiel der Kräfte seien noch Elisabeth Orth und Udo Samel genannt - stirbt der begnadigte Homburg den Tod durch Erschrecken. Das Erwachen aus dem Traum von Preußens Gloria ist nur um den Preis des Lebens möglich: Der Gips zerspringt.    (Ronald Pohl, DER STANDARD, 30.7.2012)

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