Prinzen, Premiers und ein fliegender Achter

29. Juli 2012, 18:11
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Hoher Favorit in der Königsklasser Achter sind die seit Ewigkeiten unbesiegten Deutschen. Und das wurmt das Ruder-Mutterland

London - Das nennt man Countryside. Wer die Ruderer am Eton Dorney Lake besucht, besucht auch hunderte Schafe, die rund ums Wasser die Wiesen abgrasen. Hier, eine Autostunde außerhalb von London, liegen Bildung und Sport eng beisammen. Das wunderschöne Ruderzentrum wurde vom Eton College errichtet und steht seit der Fertigstellung 2006 in seinem Privatbesitz. Dass sich Eton den Bau leisten konnte, überrascht kaum angesichts von Schulgebühren, die bei 28.000 Pfund im Jahr liegen. 1300 Burschen im Alter von 13 bis 18 Jahren besuchen das College, das den Prinzen William und Harry nicht geschadet haben dürfte und 19 britische Premierminister hervorgebracht hat, fast ausschließlich konservative, zuletzt David Cameron.

Nun, in den Ferien, bringt Eton immerhin Olympia-Sieger hervor. Und die Briten setzen viel daran, in einer jener Sportarten, die sie erfunden haben, den Ton anzugeben. Seit 1829 duellieren sich die Achter von Oxford und Cambridge, seit 1900 holten die Briten 24 olympische Rudertitel, seit 1984 war stets zumindest einmal Gold dabei, das gab's in keiner anderen Sportart. Mit- bis hauptverantwortlich war Steven Redgrave, einer der größten Sportler ever, er gewann ab 1984 bei fünf aufeinanderfolgenden Spielen en suite fünfmal Gold, nun heißt er Sir Steven Redgrave.

Gewaltig gegen den Strich

Alles eitel Wonne, könnte man meinen. Da täuscht man sich aber. Denn zweierlei geht den englischen Ruderfans gewaltig gegen den Strich. Erstens sind sie in Eton in "nur" 13 der 14 olympischen Bootsklassen vertreten. Das Fehlen des Frauen-Einers wäre nicht so schlimm, hätte es keine andere Nation geschafft, 14 Boote an den Start zu bekommen. Doch den Deutschen ist genau das gelungen. Zweitens wäre ein britischer Sieg in der Königsklasse, im Achter mit Steuermann, eine ziemliche Überraschung. Und wer ist daran schuld? Die Deutschen, schon wieder die Deutschen.

In 35 Rennen in Folge flog der Deutschlandachter zum Sieg, in allen seit Peking. Bei Olympia 2008 kam nur Rang acht heraus, dann kam ein neuer Cheftrainer (Hartmut Buschbacher), der einen neuen Achtertrainer (Ralf Holtmeyer) einsetzte, seither läuft alles wie am Schnürchen. Auch im Vorlauf mussten die Deutschen nicht voll aus sich herausgehen, um die Briten vor 25.000 Zusehern zu biegen. Lohn war der Aufstieg ins Finale am Mittwoch, wie ihn aus dem zweiten Heat auch die Amerikaner schafften. Alle anderen müssen heute, Montag, den Umweg über den Hoffnungslauf in Kauf nehmen.

Wie tritt ein Trainer auf, dessen Team fast vier Jahre ungeschlagen blieb? Holtmeyer (56), mit Kapperl auf dem Kopf und Sonnenbrille auf dem Kapperl, pendelt zwischen Zeigenwollen (Selbstsicherheit) und Zeigenmüssen (Respekt). "Es ist wichtig, dass man sich auch loben kann", sagt er und kann es: "Wir sind gut. Wir haben viel erreicht. Wir wollen mehr." Schon 1988 hatte Holtmeyer einen (bundes-)deutschen Achter zum Olympia-Titel geführt. Nun warnt er vor den USA, den Briten, vor Titelverteidiger Kanada.

Der Schmächtigste hat das Kommando

Doch am meisten warnt der Coach vor dem Wetter. Die Strecke in Eton sei windanfällig, und Wind bedeutet Wellen. Holtmeyer: "Im Vorlauf war das Wasser flach, da konnten wir unsere Technik voll ausspielen, der Streckenschlag hat mir gut gefallen." Schlag meint eigentlich Schläge, etwa 220-mal pro Rennen ziehen die acht deutschen Ruderer durch, um ihr 17,5 Meter langes, maximal sechzig Zentimeter breites und gut 96 Kilogramm schweres Boot ins Ziel zu bringen.

Das Kommando führt der Neunte im Bunde, der Steuermann, im deutschen Fall Martin Sauer. Er ist der Schmächtigste (1,69 Meter, 55 kg) der Besatzung, die Herren Ruderer messen 1,89 bis 2,08 Meter und bringen 88 bis 101 Kilogramm auf die Waage. Bei Sauer ist allein Stimmkraft gefragt, ein Lautsprechersystem mit vier über das Boot verteilten Boxen hilft ihm noch beim Kommandieren.

Mehr als ein Achter

Der Steuermann ist quasi verlängerter Trainerarm, er kennt Zeiten und Schlagzahlen, behält die Gegner im Auge, reagiert auf Rennsituationen. Der Deutschlandachter setzt sich aus Ruderern acht verschiedener Klubs zusammen, die meisten geben Dortmund als Wohnort an, dort steht seit 1976 ein Leistungszentrum. Es gibt eine eigene Homepage, das Boot hat einen eigenen Hauptsponsor, die Firma Wilo, sie stellt Pumpen und Pumpensysteme für die Heizungs-, Kälte- und Klimatechnik her. Förderer, Partner und Ausrüster kommen dazu.

Zu den Spielen reiste der deutsche Verband mit 16 Betreuern, zwei Ärzten, zwei Physiotherapeuten und einem Osteopathen. Das alles in Verbindung mit den 35 Siegen macht schon einiges her. Im Rudern, das die Briten erfunden haben, und in Eton, wo die vielen Schafe grasen.(Fritz Neumann, DER STANDARD, 30.07.2012)

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    Steuermann Martin Sauer hat acht rudernde Kollegen vor sich und als Einziger im Boot immer das Ziel vor Augen.

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    Sir Steven Redgrave, fünffacher Olympia-Sieger im Rudern, trug das Feuer ins Stadion.

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