"Gut gemeinte Ratschläge können hart wirken"

Interview29. Juli 2012, 18:00
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Wenn Frauen nicht stillen wollen oder können, ernten sie böse Blicke - Die Hebammen-Ausbildnerin Barbara Schildberger über die Beziehung von Schwangeren und Hebammen

"Wer sein Kind liebt, stillt es". Annahmen wie diese prägen seit fast drei Jahrzehnten die Diskussion um die richtige Säuglingsernährung. Der durch WHO-Richtlinien, Stillgruppen, MedizinerInnen und nicht zuletzt Hebammen angefeuerte Diskurs steht neuerdings allerdings wieder unter Kritik - "Stilldruck" lautet der Vorwurf, der in den letzten Monaten vermehrt in deutschsprachigen Medien von Frauen formuliert wurde. Barbara Schildberger, Hebamme und Soziologin, bildet Frauen zum Beruf der Hebamme aus. Von ihr wollte dieStandard.at wissen, warum die Mutter-Hebammen-Beziehung manchmal schiefläuft und was getan werden kann, um den Stilldruck zu entschärfen.

dieStandard.at: Sie bilden Hebammen an der FH Linz aus. Was muss eine Frau mitbringen, um eine gute Hebamme zu werden?

Schildberger: Uns ist wichtig, dass die Frauen ein hohes Maß an Wertschätzung gegenüber dem Leben mitbringen, ebenso Empathie, Verantwortungsbewusstsein und natürlich Reflexionsfähigkeit, also die Fähigkeit, das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen und wenn notwendig auch entsprechend anpassen zu können.

dieStandard.at: Die Anforderungen an die Geburtsbegleitung sind heute stark gestiegen. Frauen entscheiden gerne selbst, wie sie die Geburt angehen wollen. Wie kommt man als Geburtsbegleiterin damit klar?

Schildberger: Den Umstand, dass Frauen ihre Bedürfnisse artikulieren und auch selbstbestimmt im Geburtsprozess agieren wollen, begrüßen wir Hebammen total. Wir sehen uns als Begleiterinnen in einem grundlegend physiologischen Prozess, bei dem wir nur bei Bedarf unterstützend eingreifen. In der Realität ist es leider nicht immer so umsetzbar, weil eine Geburt von vielen Personen und Umständen (Familie, Ärzte, medizinische Institutionen, soziale Trends) beeinflusst wird.

dieStandard.at: Die "Wunsch-Sectio" ist ein Reizthema. Kann eine Hebamme diese gutheißen?

Schildberger: Von Berufs wegen kann ich den Umstand nicht gutheißen, dass Frauen oftmals mangelhaft aufgeklärt bzw. falsch informiert werden, was die entstehenden Konsequenzen betrifft. Sehr oft werden Frauen in der Entscheidungsfindung manipuliert.

dieStandard.at: Von wem?

Schildberger: Von der Medizin, aber auch von den Medien, die meist sehr einseitig über Kaiserschnitte berichten. Das heißt, die Nachteile von Kaiserschnitten werden zu wenig thematisiert. Es fehlt, dass Frauen wirklich über die Vor- und Nachteile aufgeklärt werden.

dieStandard.at: Und wenn die Frau korrekt aufgeklärt wurde?

Schildberger: Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass man sich dann freiwillig, ohne Indikation für diese Operation entscheidet. Fortschritte in der Chirurgie und Anästhesie lassen operative Eingriffe heutzutage sehr harmlos erscheinen.

dieStandard.at: In jüngster Zeit haben sich Frauen in der Öffentlichkeit ihren Frust über den Stilldruck von der Seele geschrieben, etwa in der "Zeit" oder auch im STANDARD. In diesen Berichten werden Hebammen als strenge Instanzen beschrieben, die Frauen gegen alle Widerstände zum Durchhalten beim Stillen bewegen wollen.

Schildberger: Wenn sich Frauen beim Stillen zu sehr unter Druck gesetzt fühlen, müssen wir Hebammen diese Tatsache sehr ernst nehmen. Die erste Zeit nach der Geburt ist besonders für die Mutter eine hochsensible Phase, und die Aufgabe der Hebamme ist hier, auf die Bedürfnisse der Mutter besonders einfühlsam zu reagieren. Somit können auch gut gemeinte Ratschläge hart sein und kontraproduktiv wirken.

dieStandard.at: Haben Sie Situationen wie die beschriebenen schon selbst erlebt?

Schildberger: Rückblickend hoffe ich nicht, dass ich als strenge Instanz wahrgenommen wurde. Meine klare Prämisse lautet: Die Würde der Frau und ihre Entscheidung ist über meine eigenen Erwartung zu stellen.

dieStandard.at: Sind sich Hebammen ihrer Macht in dieser Situation vielleicht nicht immer bewusst?

Schildberger: Ich glaube, dass die Hebammen gut gemeinte Ratschläge geben wollen, dass sie überzeugen wollen. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass sie vielleicht zu wenig beachten, wie hochsensibel Frauen in dieser Phase sind. Oft ist es aber auch so, dass Frauen von anderer Seite, zum Beispiel durch die Familie, unter Druck gesetzt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Stillkultur in Mitteleuropa verloren gegangen ist; dass es zumindest eine Generation von Frauen gibt, die nicht gestillt und die Fertignahrung als Goldstandard erlebt haben. Es gibt also manchmal auch wenig Unterstützung von der Großmutter-Seite her. Mütter sitzen dann zwischen den Stühlen, was das Beste für das Neugeborene wäre.

dieStandard.at: Elisabeth Badinter hat mit ihrem Buch "Der Konflikt" von 2010 die Diskussion über das Stillen im deutschsprachigen Raum erst wieder in Gang gesetzt. Jüngst gab es auch eine Meldung, dass UNICEF Schweiz nach Beschwerden von Müttern ihr Label "Stillfreundliches Krankenhaus" lockern wird. Ist der Stilldruck im letzten Jahrzehnt zu groß geworden?

Schildberger: Eben weil die Stillkultur bei uns verloren gegangen ist, hat man das, was früher als normal galt, mit starren Richtlinien und Regeln wieder eingeführt. Aber wie so oft bei solchen Prozessen schlägt das Pendel dann gerne zu weit in die andere Richtung aus. Es muss sich also wieder auf ein gesundes Maß regulieren. Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören. Und das ist auch gut so.

dieStandard.at: Der ganze Komplex Elternschaft ist inzwischen ideologisch stark aufgeladen. Selbstbestimmtes Handeln kann schwierig werden, wenn so viele Überzeugungen auf die Mütter einprasseln.

Schildberger: Da gebe ich ihnen recht, allein schon bei der Ernährung des Säuglings wird beinahe zweimal im Jahr die Lehrmeinung revidiert und neu geschrieben. Es ist heute unheimlich schwierig, dem Säugling optimale Versorgung zukommen zu lassen. Umso mehr wollen wir Hebammen bei den Frauen das intuitive Vertrauen wieder wecken und stützen. Aber das ist natürlich sehr schwierig, weil bedingt durch die modernen Familienstrukturen viel an traditionellem Wissen, wie man mit Kindern umgeht, verloren gegangen ist. Die Frauen haben oft gar keine andere Wahl, als sich auf Internet-Foren und Ratgeber zu verlassen. In diesem Informationsdschungel das Richtige für sich auszuwählen ist nicht einfach. Die Unterstützung gehört bestimmt ausgebaut, sowohl in der Schwangerschaft als auch im Wochenbett.

dieStandard.at: Was müsste aus Sicht der Hebammenausbildung passieren, um den Stilldruck zu mindern?

Schildberger: Neben den fachlich-methodischen Kompetenzen zur Stillbegleitung sind uns die sozial-kommunikativen Aspekte ein großes Anliegen. Dazu gehört, dass man sich Zeit für Gespräche nimmt und dass manchmal ein emotionaler Zuspruch viel mehr bewirkt als eine Belehrung über die Stilltechnik oder die gesundheitlichen Vorzüge des Stillens. Das heißt auch, der Frau das Gefühl zu geben, dass ihre Entscheidungen im Moment die richtigen sind - immer unter der Voraussetzung, dass sie gut aufgeklärt ist.

dieStandard.at: Wie sieht es mit der Aufklärung bei den Frauen über die medizinischen Fakten aus, die sehr oft beim Stillen ins Feld gerufen werden? Oftmals bringen Frauen das Nichtstillen kausal mit diversen Krankheiten in Verbindung, was so natürlich nicht stimmt.

Schildberger: Also bei den Vorzügen des Stillens ist die Datenlage schon relativ gesichert. Hier wird in den nächsten Jahren auch keine Änderung der Erkenntnis zu erwarten sein. Das Stillen hat viele Vorzüge, ist aber kein Garant dafür, dass mein Kind zum Beispiel keine Allergien entwickelt. Wir wissen nur, dass wir dem Kind so einen sehr guten Start geben können. Wie sich das Kind weiterentwickelt, ist natürlich von ganz vielen anderen Faktoren abhängig, und das verstehe ich auch als Entlastung für Frauen, die sich gegen das Stillen entschieden haben.

dieStandard.at: Gehört die alte Hebammenweisheit "Jede Frau kann stillen" heute auch noch in den Lehrplan der Hebammenausbildung?

Schildberger: Nein, nicht jede Frau kann stillen, und das war auch schon immer so. Früher gab es dafür das Ammenwesen, welches das Überleben der Kinder gesichert hat. Insofern lehren wir das auch nicht in der Ausbildung. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 29.7.2012)

Barbara Schildberger ist Hebamme und Soziologin. Sie hat als Hebamme viele Jahre in der Geburtsvorbereitung, Geburtsbegleitung und Wochenbettfürsorge gearbeitet. Seit 2010 leitet sie den Studiengang des FH-Bachelor-Studiengangs Hebamme an der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich in Linz.

  • Barbara Schildberger: "Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann 
auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören."
    foto: privat

    Barbara Schildberger: "Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören."

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    Werbung fürs Stillen: Die neuseeländische Schauspielerin Lucy Lawless posierte für die "Weltstillwoche" in Neuseeland 2002 mit ihrem damals dreimonatigen Sohn.

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