Syrische Armee begann mit Gegenoffensive in Aleppo

28. Juli 2012, 09:18
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Massive Truppenzusammenziehungen - Rotes Kreuz aus Damaskus abgezogen - Türkei, Saudi-Arabien und Katar liefern Rebellen Waffen

London/Damaskus/Genf - Die syrische Armee hat nach Angaben von Aktivisten am Samstagmorgen eine Gegenoffensive begonnen, um die von Rebellen kontrollierten Viertel der Metropole Aleppo zurückzuerobern. Die seit Tagen am Rand der nordsyrischen Stadt zusammengezogenen Truppen bewegten sich zum Viertel Salaheddin, in dem sich die meisten Aufständischen verschanzt hätten, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit. In mehreren Vierteln herrschten die heftigsten Kämpfe seit Beginn des Aufstands.

Zudem haben Regierungstruppen nach Angaben von Oppositionellen damit begonnen, die Millionenmetropole aus der Luft anzugreifen. Salaheddin sei von Hubschraubern aus beschossen worden, teilte die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Samstag mit.

Die Rebellen sollten so aus ihren Hochburgen in der größten syrischen Stadt vertrieben werden, sagten Regierungsgegner am Freitagabend. Zugleich solle ihnen mit dem Beschuss der Nachschub abgeschnitten werden. Angesichts der massiven Truppenkonzentration rief UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon die Regierung von Präsident Bashar al-Assad zur Einstellung der Angriffe auf die Stadt auf.

Lawrow verteidigt Offensive

"Ich bin über die zunehmende Gewalt in Aleppo sehr besorgt", sagte Ban am Freitag nach einem Treffen mit dem britischen Außenminister William Hague in London. Beide Konfliktparteien müssten die Gewalt beenden. Ban verlangte von der syrischen Regierung erneut die Zusicherung, dass unter keinen Umständen chemische Waffen oder andere Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden.

Andere Töne vom russischen Außenminister Sergej Lawrow, der die Offensive syrischer Regierungstruppen gegen die nördliche Handelsmetropole Aleppo verteidigt. "Wie kann man erwarten, dass in einer solchen Lage die Regierung einfach aufgibt und sagt: Das war's, ich hatte unrecht, los stürzt mich, Regimewechsel! Da ist doch unrealistisch", sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge am Samstag.

Pattstellung in Aleppo

Der Kampf um das wirtschaftliche Zentrum des Landes gilt als möglicher Wendepunkt des seit 16 Monaten andauernden Konflikts. Weder die Truppen Assads noch seine Gegner haben militärisch die Oberhand gewinnen können.

Die französische Regierung warf dem Assad-Regime vor, in Aleppo ein weiteres Massaker anrichten zu wollen. Der Sprecher des Pariser Außenministeriums, Bernard Valero, sagte der Nachrichtenagentur AFP, "indem er schweres militärisches Gerät um Aleppo zusammenzieht, bereitet Bashar al-Assad ein neues Blutbad am eigenen Volk vor." Er forderte die syrischen Regierung auf, den Einsatz schwerer Waffen einzustellen und die Gewalt zu beenden.

Weiteres Massaker erwartet

Auch die USA trauten den Regierungstruppen zu, ein Massaker anzurichten. "Es sieht so aus, als ob das Regime sich dafür in Stellung bringt", sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland. "Wir sind in höchstem Maße besorgt, was sie in Aleppo zu tun in der Lage sind." Die Stadt sei sehr dicht besiedelt. Sie befürchte einen "weiteren Verzweiflungsakt eines Regimes im Niedergang, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten".

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte arabische Länder und den UNO-Sicherheitsrat als Reaktion auf die Kämpfe um Aleppo zur Zusammenarbeit auf. Erdogan zeigte sich zudem besorgt über die Drohung Syriens, chemische Waffen einzusetzen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan sagte der britische Premierminister David Cameron, beide Länder fürchteten "wirklich entsetzliche Handlungen" der Regierungstruppen in und um die Metropole.

Rebell: "Bereit für Mutter aller Schlachten"

Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, drängte Regierung wie Rebellen, die Zivilbevölkerung zu verschonen und die Menschenrechte zu achten.

Der örtliche Rebellenkommandant Abu Omar al-Halebi sagte der Nachrichtenagentur dpa am Telefon, dass zu den 2.500 Kämpfern in der Stadt noch einmal 3.000 aus anderen Landesteilen zur Verstärkung angerückt seien. "Wir sind bereit für die Mutter aller Schlachten", sagte al-Halebi.

Um die wichtigste Stadt im Norden kämpfen Militär und bewaffnete Oppositionelle seit vergangenem Wochenende. Das Regime verlegt seit Mittwoch Tausende Soldaten in die Region. Syrische Rebellen haben nach eigenen Angaben in Aleppo rund einhundert Soldaten und regierungstreue Milizionäre gefangen genommen. Nach Rebellenberichten ist die Stadt voller Flüchtlinge. Ein Apotheker aus Aleppo berichtete der dpa am Telefon allerdings, dass die Straßen in der Innenstadt wie ausgestorben wirkten: "Die Straßen sind leer, nicht ein Mensch ist zu sehen." Alle Geschäfte, Banken, Werkstätten, Bäckereien und selbst Apotheken sein geschlossen.

Rotes Kreuz zieht ab

Syrische Menschenrechtsbeobachter berichteten auch von Kämpfen in den Provinzen Idlib und Deraa, in der nordöstlichen Stadt Deir al-Zor und im Damaszener Außenbezirk Al-Hajar al-Aswad. In der Kleinstadt Maarat al-Noaman (Provinz Idlib) sollen Aufständische das Rathaus mit Gewehren und Panzerfäusten angegriffen haben.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zog wegen der unsicheren Lage die meisten seiner ausländischen Mitarbeiter aus Damaskus ab, sagte ein IKRK-Sprecher der Nachrichtenagentur sda in Genf. Der Syrische Rote Halbmond stellte seine Aktivitäten in Aleppo weitgehend ein. Augenzeugen zufolge erstellten Aktivisten Listen, auf denen steht, an welche Ärzte und Praxen sich die Bürger im Notfall wenden können.

Abgeordnete setzt sich ab

Die Abgeordnete Ikhlas Badawi, die Aleppo im syrischen Parlament vertritt, setzte sich unterdessen aus ihrem Heimatland ab. "Ich habe mich in die Türkei begeben, aus Protest gegen Unterdrückung und bestialische Folter gegen das Volk in Syrien", sagte die Politikerin am Freitag dem Nachrichtensender Sky News Arabia. Badawi, die für die herrschende Baath-Partei im Parlament saß, ist bisher die erste Abgeordnete, die dem Regime den Rücken kehrt.

Die Türkei, Saudi-Arabien und Katar versorgen die syrischen Rebellen nach Angaben von Insidern in den Golfstaaten heimlich mit Waffen. Demnach haben die drei Staaten in der südtürkischen Stadt Adana einen geheimen Stützpunkt für die Assad-Gegner aufgebaut. (APA, 28.7.2012)

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