Überraschend unverblümter Umgang

27. Juli 2012, 20:28
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Als Verwerter profitierte der Kunsthandel in Wien und München von den Raubzügen der Nazis - wie unverblümt, zeigt das nunmehr erforschte Kapitel Adolf Weinmüller

Deutlicher hätte man es kaum formulieren können: "Den Juden ist das in ihrem Besitze befindliche Kunst- und Kulturgut, an dem ihre Rasse schaffend nie beteiligt war, zu entziehen und in arische Hände zu bringen. Die Überleitung in arischen Besitz erfolgt über den Kunsthandel." Mit diesen Worten leitete Hermann Trenkwald, von 1925 bis 1927 Direktor des Staatlichen Kunstgewerbemuseums Wien (heute MAK), im Juni 1939 sein Traktat zur "Verwertung des in nichtarischem Besitz befindlichen Kunst- und Kulturgutes" ein.

Exakt diese beiden Sätze, die so unmissverständlich auf die Rolle des Kunsthandels im Nationalsozialismus verweisen, stellt Meike Hopp an den Beginn ihrer vor kurzem in Buchform veröffentlichten Recherchen: Im Mittelpunkt der vom Auktionshaus Neumeister initiierten und finanzierten Forschungsarbeit stand der vor allem in München, aber auch in Wien als Kunsthändler und über seine beiden Auktionshäuser tätige Adolf Weinmüller.

Auktionskataloge als Quelle

Nach dessen Tod 1958 hatte Rudolf Neumeister den in München verbliebenen Standort übernommen. Seit 2008 leitet seine Tochter Katrin Stoll das Unternehmen, die, angesichts der Vorgeschichte, erheblichen (Auf-)Klärungsbedarf ortete. Die enge Zusammenarbeit Weinmüllers mit Personen und Organisationen des Kunsthandels im Nationalsozialismus war in den vergangenen Jahren von Provenienzforschern immer wieder thematisiert worden, etwa auch von Gabriele Anderl (2006; Arisierung des Auktionshaus Kende in Wien).

Ähnlich dem Dorotheum (2006) ließ jetzt also Neumeister "seine" Firmenhistorie aufarbeiten, als erstes Auktionshaus in Deutschland übrigens. Damals wie heute waren und sind etwa noch Hauswedell (Hamburg, seit 1973 unter Hauswedell-Nolte firmierend) oder Lempertz (Köln) aktiv, in deren über die Websites einsehbaren Chroniken diese neuralgische Epoche völlig unerwähnt bleibt. Aber das ist eine andere Geschichte, die zugehörigen Geschäftsunterlagen seien zerstört oder verloren, werden auch andere der nunmehr in (über)nächster Generation tätigen Protagonisten des Kunsthandels bis heute nicht müde zu argumentieren.

Nur, wo ein Wille, da auch ein Weg, wo Initiative, da auch jene historische Transparenz, die im globalen Handel mit Kunst zwischenzeitlich als unentbehrlich gilt. Dabei war selbst im Falle Weinmüllers die Ausgangslage für Recherchen dürftig. Geschäftsbücher, Abrechnungen oder Korrespondenz hatten sich nicht erhalten, lediglich ein Konvolut von Münchener Auktionskatalogen in der Neumeister'schen Bibliothek: Im Zeitraum von 1936 bis 1945 fanden in München insgesamt 33 Versteigerungen statt, in Wien weitere 18. Den fehlenden Bestand an diesem Quellenmaterial stöberte Hopp in deutschen, aber auch in österreichischen (Museums-)Archiven auf. Mittlerweile wurden diese für die internationale Provenienzforschung relevanten Dokumente digitalisiert und - als nützliches Nebenprodukt dieses Projekts - über eine Onlinedatenbank veröffentlicht.

Für die nun nach knapp drei Jahren vorliegende Studie wurden freilich noch andere Archivalien (u. a. Bestände in München, Berlin, Koblenz, Wien) bearbeitet, und das Ergebnis geht genau genommen weit über eine Firmengeschichte hinaus. Nicht nur gewährt es erstmals einen detaillierten Blick auf die Praktiken des damaligen Kunstmarkts, sondern belegt, dass Beschlagnahmungen und Raub von Kunstsammlungen durch die Gestapo ab 1938 als Konsequenz einer wesentlich früher einsetzenden Entwicklung zu sehen sind.

Denn diese begann bereits 1933 mit der ersten systematischen Ausgrenzung des jüdischen Kunsthandels. Eine ebenso gezielt geplante wie umfassend und konsequent durchorganisierte Entrechtung, die nicht auf Parteiebene, sondern mitten im Kunsthandel stattfand. Massiv vorangetrieben durch Fachverbände und "arische" Kollegen, die die Gelegenheit erkannten, sich unliebsamer Konkurrenz zu entledigen, wie Meike Hopp schildert.

In weiterer Folge spielten sowohl der Handel als auch die Vielzahl an Kunstsachverständigen bei der Erfassung, Katalogisierung und Bewertung von Sammlungen eine entscheidende Rolle. Die Aussicht auf lukrative Geschäfte stets im Visier, wurden die weiteren Entwicklungen damit unauffällig, aber effektiv dirigiert. Gerade das Beispiel Weinmüller verdeutlicht die Vielfalt an Möglichkeiten für den Kunsthandel, von diskriminierenden Bestimmungen - "von der Vermögensanmeldung, über die Reichsfluchtsteuer bis zur endgültigen Einziehung und Verwertung des Vermögens durch das Reich" - maßgeblich zu profitieren, wie Hopp betont.

Wien-Expansion

Weinmüllers Laufbahn in der Kunstbranche hatte 1921 ("Haus für Alte und Neue Kunst") in München begonnen, dazu war er als Vorsitzender des Bundes der Kunst- und Antiquitätenhändler im Deutschen Reich an der " Neuordnung des Deutschen Kunsthandels" (1933- 1935) beteiligt. Allein das von ihm forcierte Gesetz über das Versteigerungsgewerbe von 1934 sicherte ihm - bei zeitgleicher Ausschaltung seiner Konkurrenz - zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Kunsthändler in München geradezu eine Monopolstellung in der lokalen Auktionsbranche.

Anders als seine Tätigkeit als Kunsthändler, die mangels entsprechender Unterlagen zu erfolgten Transaktionen nicht mehr rekonstruierbar ist, sind die von ihm veranstalteten Versteigerungen über die publizierten Auktionskataloge dokumentiert. Im Zuge des Forschungsprojekts konnten anhand Münchener Auktionen einige Sammlungen identifiziert werden; für die Wiener Versteigerungen blieb derlei mangels weiterer Quellen die Ausnahme.

Den "Anschluss" Österreichs im März 1938 hatte Adolf Weinmüller zur Expansion in die "Ostmark" zu nutzen gewusst, und so bewarb er sich um die "Arisierung" des Auktionshauses Kende (Wien). Er, der Inhaber des " größten Kunstauktionshauses Süddeutschlands", wäre durch diese Übernahme befähigt, "das gesamte Auktionswesen im Lande Österreich bzw. in Wien stark zu befruchten und zu intensivieren". Trotz Protesten seitens des lokalen Kunsthandels und der Fachgruppe "Versteigerer" wurde das Auktionshaus Kende inklusive aller Genehmigungen im Oktober 1938 an Weinmüller übertragen.

Und ein geeigneter Geschäftsführer stand bereits parat: Namentlich Franz Kieslinger, "dem heute eine Schlüsselrolle im nationalsozialistischen Kunsthandel in Wien zugewiesen werden kann", wie Hopp bestätigt. Der Kunsthistoriker war bereits zuvor und sporadisch auch für das Dorotheum als Sachverständiger tätig gewesen. Kurz nach dem Anschluss wurde er zum beeideten Schätzmeister für ältere Kunst berufen. Und über die zahlreichen zur "Vermögensanmeldung" notwendigen Gutachten verfügte er über kapitales Insiderwissen.

In den Folgejahren avancierte Kieslinger zu einem der aktivsten seiner Zunft, wovon Weinmüller mit Sicherheit profitiert haben dürfte. Nachweislich etwa in Fällen, die im Zuge jüngerer Recherchen der Österreichischen Kommission für Provenienzforschung rekonstruiert werden konnten. Einige - aber bei weitem nicht alle - dieser identifizierten Kunstwerke wurden mittlerweile an die Erben der vormaligen Eigentümer restituiert: darunter Friedrich Amerlings Mädchen mit Strohhut aus der Sammlung Ernst Gotthilfs, das im Zuge der dritten Wiener Auktion bei Weinmüller im März 1939 vom Belvedere erworben wurde.

Im Anschluss an die Restitution 2007 hatte der internationale Kunsthandel recht ritterlich um die Gunst der Gotthilf-Erben gekämpft. Sotheby's und Christie's hatten ebenso wie "im Kinsky" das Nachsehen. " Dabei haben wir uns mit unserem Angebot so dermaßen weit aus dem Fenster gelehnt, dass uns tatsächlich nur mehr die Zehenspitzen am Fenstersims gehalten haben", schilderte der damalige Kinsky-Direktor Otto Hans Ressler. Stattdessen wechselte es im Herbst 2008 via Dorotheum für 1,5 Millionen Euro in die Sammlung Liechtenstein. Der Verbleib anderer Werke aus der Sammlung Gotthilf liegt noch immer im Dunkeln.

"Verwertung" nach 1945

Nicht nur Weinmüller oder das Dorotheum, sondern der gesamte Kunsthandel streifte über die vom Regime zugestandene Rolle als "Verwerter" über die Jahre satte Gewinne ein. Der Kunstmarkt florierte, auch weil Kunst gerade für Vermögende eine krisensichere Wertanlage darstellte. An Nachschub mangelte es nicht: aus Böhmen und Mähren und ab Mitte der 1940er-Jahre aus den Niederlanden, für die Franz Kieslinger als Sammelverwalter beschlagnahmter Kunstwerke ("Dienststelle Mühlmann") seinen geografischen Aktionsradius erweiterte. Er bediente fortan sowohl kunstaffine NS-Funktionäre als auch den Kunsthandel, darunter die Auktionshäuser Hans W. Lange (Berlin), Adolf Weinmüller (München, Wien) und auch das Dorotheum (Wien). Ungeachtet dieser Schlüsselfunktion blieb Kieslinger nach 1945 unbehelligt und bis zu seinem Tod 1955 beratend für Museen und Sammler (u. a. Rudolf Leopold) tätig.

1949 hatte man in einem Depot eine Kiste mit Zeichnungen aus dem Besitz Kieslingers gefunden und in den Central Collecting Point (München) verbracht. Auf die Frage nach der Herkunft hatte er, seine jahrelange Tätigkeit ins Treffen führend, lapidar geantwortet, es sei unmöglich, " in meinem armen Gedächtnis zehntausende Vorfälle parat zu halten". Sofern diese "Formalität" jedoch unabdingbar bliebe, dann würde er auf die Blätter verzichten.

Kieslinger wurde nie zur Rechenschaft gezogen, sein ehemaliger Chef Adolf Weinmüller 1948 nur als "Mitläufer" eingestuft. Dabei endete der Handel mit Kunstgegenständen aus vormaligen Beschlagnahmungen bzw. aus dem Bestand ehemaliger Reichsinstitutionen nicht 1945. Im Gegenteil, und dieses Fazit zieht Meike Hopp auch am Bespiel Weinmüllers und der in München bis 1958 abgehaltenen Versteigerungen. Die "Verwertung" von Kunst fragwürdiger Herkunft lief in den Nachkriegsjahren überraschend unverblümt weiter. Ein Aspekt, der in der künftigen Provenienzforschung wohl verstärkt berücksichtigt werden müssen wird.   (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

  • Im März 1939 erwarb das Belvedere bei der dritten von Weinmüller  in 
Wien abgehaltenen Auktion Friedrich Amerlings "Mädchen mit Strohhut".  
Nach der Restitution 2007 wechselte das Gemälde 2008 via Dorotheum  (1,5 
Mio. Euro) in den Besitz  der Sammlung Liechtenstein.
    foto: dorotheum

    Im März 1939 erwarb das Belvedere bei der dritten von Weinmüller in Wien abgehaltenen Auktion Friedrich Amerlings "Mädchen mit Strohhut". Nach der Restitution 2007 wechselte das Gemälde 2008 via Dorotheum (1,5 Mio. Euro) in den Besitz der Sammlung Liechtenstein.

  • Eintrag zu Friedrich Amerlings "Mädchen mit Strohhut" im 
Weinmüller-Katalog, März 1939 .
    foto: univ.-bibliothek heidelberg

    Eintrag zu Friedrich Amerlings "Mädchen mit Strohhut" im Weinmüller-Katalog, März 1939 .

  • Meike Hopp, "Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in 
München und Wien". € 30,80 (A) / 411 Seiten. Böhlau-Verlag, Köln 2012.
    foto: böhlau-verlag

    Meike Hopp, "Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien". € 30,80 (A) / 411 Seiten. Böhlau-Verlag, Köln 2012.

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