Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz

Rezension28. Juli 2012, 11:00
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Ein neuer Sammelband setzt sich kritisch mit Thilo Sarrazins Thesen zur Vererbung von Intelligenz auseinander

"Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz - Von Galton zu Sarrazin": So heißt ein neuer Sammelband, der sich den Denkmustern und Denkfehlern der Eugenik widmet. Die Herausgeber Michael Haller und Martin Niggeschmidt wollen die "seit zwei Jahren verdrängte Wissenschaftsdiskussion" über Sarrazins dubiose Quellen und ideologische Argumentationslinien neu beleben. Für Michael Haller, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung an der Universität Leipzig, ist es wichtig aufzuzeigen, worauf sich Sarrazin in Wahrheit beruft, nämlich "auf eine schreckliche Tradition von Eugenik-Theoretikern".

Auch wenn der analytisch-kritische Sammelband zwei Jahre nach Erscheinen des mittlerweile zum Bestseller avancierten Sarrazin-Buchs "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" etwas verspätet anmutet: Die Beiträge der Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen wie Soziologie, Biologie und Psychologie sind äußerst erhellend und decken auf, wie sehr Sarrazin bei Eugenikern Anleihen genommen hat und dass eugenische Theorien über vererbte Intelligenz längst wissenschaftlich widerlegt sind.

Aus der eugenischen Mottenkiste

Sarrazin selbst wehrte sich nach Veröffentlichung seines Buches in Interviews dagegen, als Eugeniker bezeichnet zu werden. Die Parallelen zu eugenischen Denkmustern sind aber offensichtlich, meinen die Analytiker. Der Ex-Vorstand der Deutschen Bundesbank bezieht sich in seiner Argumentation nicht nur auf Francis Galton, der mit seinem 1869 erschienen Werk "Genie und Vererbung" als Gründervater der Eugenik gilt, sondern bezeichnet ihn auch als "Vater der frühen Intelligenzforschung". Peter Weingart, Soziologe und Autor des Standardwerks zur Geschichte der Rassenhygiene und Eugenik in Deutschland, schreibt in seinem Beitrag zum Sammelband, dass das Hauptargument der Sarrazin'schen Schrift aus der eugenischen Mottenkiste des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts stamme.

Claus-Peter Sesin zeigt in seinem Beitrag auf, dass sich Sarrazin nicht nur auf veraltete Eugenik-Ideen bezieht, sondern auch auf pseudowissenschaftliche Werke der US-amerikanischen Eugenik-Bewegung. So zitiert Sarrazin nicht nur häufig das Buch "The Bell Curve", das von dem neokonservativen Politologen Charles Murray und dem Psychologen Richard Herrnstein 1994 auf den US-Markt losgelassen wurde und laut Sesin als Bibel der US-amerikanischen Ethno-Rechten gilt, sondern orientiert sich auch sehr stark daran. Für Sesin ist Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" sogar eine Art zweiter Aufguss von "The Bell Curve".

Murray und Herrnstein argumentieren genauso wie Sarrazin mit der Vererbbarkeit der Intelligenz und der Bedeutung der genetischen Erbanlagen für den beruflichen und sozialen Erfolg. Sie gehen davon aus, dass es eine genetisch bedingte dumme Unterschicht gebe, genauso wie Sarrazin mit der Gefahr einer neuen dummen, nicht bildungsfähigen Unterschicht argumentiert, die den Staat durch Sozialschmarotzen belasten würde. Nur dass es bei Sarrazin nicht wie in "The Bell Curve" die Afroamerikaner, sondern die muslimischen, insbesondere die türkischen Einwanderer sind, die schuld an der vermeintlichen Verdummung und Degeneration Deutschlands sind.

Eugenik und Rassismus

Die Eugenik kann man als die Lehre von den "guten" Genen beschreiben. Der Begriff selbst bezeichnet die "gute Geburt" bzw. die "gute Abstammung". Bei der positiven Eugenik werden Prinzipien der Tierzucht, wonach man durch kontrollierte Fortpflanzung Rassen mit guten Erbanlagen züchten kann, auf den Menschen übertragen, indem die Vermehrung der Bevölkerungsgruppen mit "guten" Erbanlagen angestrebt wird. Bei der negativen Eugenik geht es darum, die Weitergabe "verminderter" Erbanlagen zu unterbinden.

Was negative Eugenik und die resultierende Auslese bedeutet, kann man bei Weingart nachlesen. So wurden Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der Galtons Eugenik und die Sorge um eine abnehmende "Bevölkerungsqualität" hoch im Kurs standen, bis zu 150.000 US-Amerikaner jährlich zwangssterilisiert. Auch heute noch gibt es etliche Fälle von ungewollter Sterilisation bei ethnischen Minderheiten, etwa bei Roma- und Sinti-Frauen in Tschechien. Und auch heute noch wird diskutiert, ob zwei einander liebende Menschen mit Downsyndrom heiraten sollen dürfen.

Die extremste Manifestation positiver Eugenik, die laut Weingart "rassistische Strategien" nahelegt, wurde unter den Nationalsozialisten vorangetrieben. Deren Ideologie der Rassenhygiene, der Höherwertigkeit der nordischen Rasse und der Notwendigkeit eines "gesunden" Volkskörpers führte zum Völkermord an Juden sowie Roma und Sinti und zur systematischen Ermordung von psychisch Erkrankten und behinderten Menschen.

Genetisch wenige Unterschiede zwischen Volksgruppen

Der Beitrag von Diethard Tautz, Biologe und Direktor des Max-Plancks-Instituts für Evolutionsbiologie, widerlegt eindrucksvoll, was Sarrazin immer behauptet: nämlich dass es gravierende genetische Unterschiede zwischen Menschengruppen gebe und Intelligenz vererbbar sei.

"Evolutionsbiologisch gesehen ist der Mensch eine der genetisch homogensten Spezies, die es auf der Erde gibt", schreibt Tautz. Der Genpool bei Menschen sei viel geringer diversifiziert als bei Gorillas oder Schimpansen. Genau genommen gehe der Genpool des heutigen Menschen auf eine Gründerpopulation von weniger als 50.000 Menschen zurück, stellt der Biologe klar. Im Klartext heißt das bei Tautz dann: "Bereits zwischen zwei Mitgliedern einer Volksgruppe kann man rund 89 Prozent aller Unterschiede finden, die man zwischen allen Menschen auf der ganzen Welt findet."

Tautz betont auch, dass es nur wenige funktionale Unterschiede zwischen Menschengruppen gebe. Dazu gehören etwa die Hautfarbe, die Milchzuckerunverträglichkeit, die sich übrigens viele Europäer, Araber und Nordinder teilen, und Unterschiede in der Resistenz gegenüber bestimmten Krankheitserregern.

Kein Intelligenz-Gen

Fazit von Tautz' Analyse über die Irrtümer des Biologismus ist nicht nur, dass es keine genetische Identität im Sinne von kollektiven, genetisch determinierten Eigenschaften zwischen Volksgruppen gibt, sondern auch, dass die These der Vererbbarkeit von Intelligenz einer evolutionsbiologischen Überprüfung nicht standhält. Wenn Sarrazin also behauptet, Kinder würden gemäß den Mendel'schen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern erben, so ist das nichts als Humbug.

Mendel führte 1865 Kreuzungsexperimente mit Pflanzen durch, es waren die Eigenschaften der Erbse, die Mendel beobachtete. Und die Erbse, klärt Biologe Tautz auf, wird durch jeweils ein Gen determiniert, daher handelt es sich bei ihr um eine monogenetische Veranlagung. Intelligenz hingegen ist polygenetisch vererbt, sie wird also von vielen Genen bestimmt. Sarrazins Rekurs auf monogenetische Erbgänge der Mendel'schen Gesetze ist also nicht auf den Menschen übertragbar. Menschen sind weder Pflanzen noch Pferde, könnte man auch salopp sagen.

Tautz schreibt auch, dass "dumme" Eltern durchaus "kluge" Kinder in die Welt setzen könnten, genauso wie auch die "klugen" Eltern (für Sarrazin wären das kleinbürgerlich-akademische Eltern) der Welt "dummen" Nachwuchs hinterlassen könnten, denn "durch die Neukombination des Genmaterials in jeder Generation ist jedes Kind einzigartig". Weiters führt er an, dass der Begriff Intelligenz selbst kaum fassbar sei und es in der Wissenschaft nicht einmal eine einheitliche Definition von Intelligenz gebe.

Bildung und Migration: Die Fakten

Der Soziologe und Bildungswissenschaftler Coskun Canan widerlegt in seinem Beitrag die Sarrazin'sche Behauptung eines kausalen Zusammenhangs zwischen Religionszugehörigkeit und Bildungserfolg. So kommt bei seinem Vergleich des Bildungserfolg der unterschiedlichen konfessionellen Gruppen heraus, das bei schiitischen Schülern mit 56 Prozent Anteil im Segment der hohen Schulbildung der Bildungswert sogar höher liegt als bei christlichen und jüdischen Schülern, bei denen der Anteil bei 42 Prozent liegt.

In Canans Analyse der Mikrozensus-Daten 2009 aus Deutschland kommt auch zum Vorschein, dass Personen mit türkischem und italienischem Migrationshintergrund sich die gleiche Bildungsstruktur teilen: Sie haben überwiegend einen Hauptschulabschluss, bei den italienischstämmigen sind es 41 Prozent mit der Hauptschule als Bildungsabschluss, bei den türkischstämmigen Personen 39 Prozent. Interessant ist dass dabei auch, dass Personen mit iranischem und irakischem Migrationshintergrund mit 50 Prozent Anteil an Abschlüssen im oberen Bildungssegment (Abitur/Fachhochschulreife) noch vor den Vietnamesen (46 Prozent) und den Personen ohne Migrationshintergrund (45 Prozent) liegen.

Einen weiteren Denkfehler Sarrazins zeigt in dem Zusammenhang Sesin auf. So schreibt Sarrazin einerseits vom hohen Bildungserfolg der Migranten aus dem "Fernen Osten" - und der Bildungserfolg ist ja nach Sarrazins Argumentation maßgeblich entscheidend für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt - andererseits kommen bei seiner Auflistung von Transferleistungen beziehenden Personen ein Anteil von 13 Prozent der Migranten aus dem "Fernen Osten" vor. Warum die von ihm als genetisch intelligenteren eingestuften Migranten aus dem "Fernen Osten" sich beim Bezug der Transferleistungen wie Sozialhilfe oder Hartz IV nur um drei Prozent von den als bildungsunfähig abgestempelten türkischstämmigen Personen unterscheiden, diese Erklärung bleibt er schuldig und widerspricht sich mit den angegebenen Statistiken auch noch selbst.

Sarrazin'sche Mythen

Der von Haller und Niggeschmidt herausgegebene Sammelband offenbart noch weitere Widersprüchlichkeiten und Irrtümer in der Argumentation von Sarrazin. Angefangen damit, dass Migrantenkinder, auch türkische Migrantenkinder, deren Eltern im Gegensatz zu iranischen oder irakischen Flüchtlingen nicht bildungsaffin sind, in puncto Schulausbildung ihre Elterngeneration sukzessive überholen, vor allem die in Deutschland geborenen Kinder. Zweitens, dass das Qualifikationsniveau der Bevölkerung gesunken sei, es also keinen kognitiven Niedergang gibt. Und drittens, dass in Deutschland eine Gleichheit der Bildungschancen bereits existiere.

Im Beitrag des Soziologen Rainer Geißler ist beispielsweise nachzulesen, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei gleichem sozioökonomischem Status und gleicher Leseleistung jeweils 1,7-mal seltener eine Empfehlung für Realschulen und Gymnasien bekommen als Schüler ohne Migrationshintergrund. Das deutsche Bildungssystem wird von ihm auch als OECD-Meister im Nichtunterstützen von sozial schwachen Schichten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, bezeichnet.

Zu guter Letzt wird Sarrazins Ruf nach der Verteidigung der bürgerlichen Klasse und seinem Idealbild einer meritokratischen Gesellschaft, in der die oberen, bürgerlichen Schichten mehr Kinder gebären und die gesellschaftliche Kontrolle innehaben, auch als das enttarnt, was er ist: kleinbürgerliche Angst vor Statusverlust, wie es sie schon zu Zeiten der Industrialisierung vor den Arbeitermassen gegeben hat, gepaart mit Vorbehalten gegenüber bestimmten Migrantengruppen und Abneigung gegenüber einem ausgleichenden Sozialstaat. Die Herausgeber merken in der Einführung treffend an, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts rund 0,3 Prozent der Bevölkerung zum Bildungsbürgertum gehörten. Die Mehrheit stellte die Unterschicht mit zwei Dritteln der Bevölkerung. "Ein Großteil der heutigen Akademiker dürfte also von jenen kinderreichen, unbedachtsamen und nicht ehrgeizigen Bevölkerungsteilen abstammen, denen Galton schlechte Erbanlagen zuschrieb", lautet ihr Fazit. (Güler Alkan, daStandard.at, 28.7.2012)

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