Baby, wie feucht du für mich bist

27. Juli 2012, 19:59
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Sadomaso verkauft sich. Aber das ist in E. L. James' "Shades of Grey" gar nicht das Problem. Hier bekommen wir es mit dem Mittelalter zu tun

"Baby, wie feucht du für mich bist", sagt der 27-jährige "megaerfolgreiche" Christian Grey von Grey Enterprise ("wahnsinnig graue Augen", "Inbegriff männlicher Schönheit") zu seiner neuen Eroberung Anastasia Steele, 21, unerfahrene Studentin, deren Orgasmen fortan ihm gehören. Ganz pornografisches Phantasma, ist der männliche Protagonist in E. L. James' Romantrilogie Shades of Grey steinreich und fliegt auch mal kurzerhand im Privatjet nach Seattle, "einfach weil ich kann", und kein - Hausnummer - Müllmann, der diese neoliberalistische Romantik nicht bedienen könnte.

Und die studentische Ich-Erzählerin, die sich selbst "naiv" nennt, gibt auf knapp 600 Seiten den Schulmädchen-Report. Dieser besagt: Christian fickt gern hart, und Ana findet den (vertraglich geregelten) SM-Sex mit ihm einfach "Wahnsinn". Dass mit Sex nicht nur Politik zu machen ist (Michael Foucault), sondern auch Absatz, beweisen 15 Millionen gedruckte Exemplare in 1,5 Monaten allein in Nordamerika (vom Erfolg des vorangegangenen E-Books ganz zu schweigen) - solche Verkaufszahlen wären guter Literatur (ob mit Sex oder ohne) nur zu wünschen.

Geheimes Verlangen, Band eins der Trilogie, ist soeben auf Deutsch erschienen, und der Run hält an. Marktschreierische Bezeichnungen wie "Sadomaso-Porno" werden ihm auf die Fahnen geheftet, und der Köder funktioniert, lügt aber wie gedruckt: Shades of Grey ist eine (mittelalterliche) Liebesgeschichte.

Doch welchen Nerv trifft dieses Buch? Werden wir zu wenig geschlagen? Werden Frauen zu wenig geschlagen? Und ist sadomasochistische Gewalt noch legitim oder schon pervers? Laut österreichischer Rechtsprechung ist die "einverständliche Zufügung von an sich leichten Verletzungen im Verlauf eines freiwilligen sadomasochistischen Verkehrs angesichts der Zustimmung des Opfers nicht strafbar" (OGH 29. 6. 1989, E 12 Os 17/89), und in Shades of Grey tut der Liebeskummer ohnehin mehr weh als ein Peitschenhieb.

Warum also in die Schlafzimmer blicken? Nach Susan Sontags Definition in Die pornographische Phantasie ist der Roman kein Porno, das hat kürzlich auch die Anführerin der PorNO-Kampagne, Alice Schwarzer, abgesegnet.

Das Innere der Figuren bleibt alles andere als unsichtbar, sie werden nicht ausschließlich "von außen gesehen" (Sontag), und "die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt" (Schwarzer). Dennoch: Mit dem durchschlagenden Publikumsinteresse an SM-Sex ist durchaus "die Organisation von 'erogenen Zonen' am Gesellschaftskörper sichtbar" (Foucault, Der Wille zum Wissen), SM interessiert und wird (real und fantasiert) vollzogen.

Unabhängig vom rechtlichen Rahmen ist es eine unterschiedlich spannende Frage, ob SM zwischen zwei Homosexuellen stattfindet, die sich bereits aus der (durch Sexismus und Unterdrückung geschichtlich vorbelasteten) Heteronorm ausgeklinkt haben, oder zwischen zwei Heterosexuellen in der mehrheitlichen (im Roman aufgegriffenen) Ausrichtung dominanter Mann, sich unterwerfende Frau. Ebenso entscheidend ist der Blickwinkel (soziologisch, historisch, therapeutisch, juristisch, moralistisch etc.), der hier ein feministischer sein soll.

Die Diskussion, ob ein derart hierarchisiertes Geschlechterverhältnis im Bett als Backlash auch auf das (in westlichen Gesellschaften zumindest offiziell gleichberechtigte) Alltagsleben Niederschlag finden könnte (oder vielleicht sogar aktuelles Abbild ist), wird deshalb zu Recht aufgewärmt.

In Soll man de Sade verbrennen? sieht Simone de Beauvoir den Nutzen der pornografischen Literatur (de Sades) darin, dass sie "uns beunruhigt". Judith Butler nimmt in Schmährede Pornografie als allegorischen Text, der zwar beleidigt, aber durch sein Verschwinden (Zensur) nicht die Beleidigung selbst verschwinden lässt.

Laut Sontag gehören "verbotene und gefährliche Wünsche" zum natürlichen Erscheinungsbild von Sexualität, von denen viel über Gesellschaft und Geschlecht zu lernen ist. Und auch bei Foucault ist Sex und Sexualität "in seiner Wirklichkeit zu akzeptieren" und in seinen Machtverhältnissen zu erkennen.

Diese Ansätze plädieren für eine Erweiterung und (wiederholte) Untersuchung des vorhandenen Wissens und sind gegen Verschleierung. Ein behavioristisches Erklärungsmodell (der Mann sei natürlich aggressiv) oder ein antifeministisches (die Frau verschaffe sich durch Unterwerfung beim Sex Erleichterung vom Alltag der Emanzipation) werden damit ihrer (Geschlechter- und Machtverhältnisse bekräftigenden) Hintergedanken überführt.

Nun könnte und wird in der aktuellen Diskussion die (immerhin nicht verniedlichende) Sexualität der weiblichen Hauptfigur von Shades of Grey durchaus als emanzipatorischer Akt gesehen werden, willigt sie doch freiwillig ein und hat sogar feuchte Träume von den Handlungen im "Spielzimmer". Und die Autorin wird auch nicht müde, immerzu mit dem Zaunpfahl zu winken, der Roman werde von einer Frauenfigur getragen, die weiß, was sie will.

Doch bei genauer Lesart sagt der Text das Gegenteil, und zwar nicht auf sexueller Ebene. Ana ist ein "zitterndes Häufchen weiblicher Hormone", dem ja bisher das "Ich-brauche-unbedingt-einen-Freund-Gen" fehlte. Sie erotisiert die SM-Spielart der Unterwerfung mitunter im Leben ("Bevor ich vom Tisch aufstehe, überlege ich kurz, ob ich ihn um Erlaubnis fragen soll") und lässt sich versichern, dass Männer eine Rasur "heutzutage erwarten".

Anas (allzu bewusstes) Unterbewusstsein romantisiert Christian als (in der Sage frauenmordenden) "Blaubart", weshalb sie, bevor sie die "Kammer des Schreckens" betritt, in der Paddle und Peitsche auf sie warten, gern mal ein Gläschen trinkt, denn "Alkohol macht Mut". Sie lässt sich 580 Seiten lang mühelos von Christian (an)führen ("Es bedeutet, dass du dich mir freiwillig unterwerfen sollst, in allen Dingen"; "In dem Moment wird mir klar, dass es genau das ist, was ich möchte"), und kurz aufflackernde emanzipatorische Ansätze werden sofort gelöscht, indem sie seine sexuelle Erfüllung über ihre stellt ("Ob ich das mag, weiß ich nicht so genau. Aber ein Blick auf ihn, und es ist mir egal, (...) weil ich ihm solche Lust bereitet habe").

Ihr männlicher Gegenpart ist keineswegs weniger sexistisches Stereotyp: Christian übt "in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus" und fragt, "was in ihrem hübschen Kopf" vorgeht. Anas Mutter beschreibt Männer als "eigene Spezies" und "einfach gestrickt". Und die Autorin lässt Christian, um ihn interessanter zu machen und gleich im Vorhinein zu rehabilitieren, vor sich selbst warnen und auch mal initiativ das Geschirr wegräumen, nachdem Ana gekocht hat.

Mehrheitlich ist er jedoch Chauvinist ("Du gehörst mir, (...) mir allein. Vergiss das nicht") oder der Frau altmodisch Türen öffnender Chevalier. Wird er wieder "härter, geheimnisvoller", dann findet Ana ihn so richtig "sexy" und bietet sie ihm Paroli, gefällt sie sich ja doch bloß in der Rolle derer, die sich ziert, was den Anschein klischierter Koketterie macht ("Ich bin diejenige, die ihn dazu bringt, all diese Dinge zu tun"), denn eigentlich hat sie 580 Seiten lang Angst, ihn zu enttäuschen. Und zu guter Letzt wird Christians Hang zum Harten auch noch auf die exorzistische Austreibung eines Kindheitstraumas zurückgestutzt, bei der Ana ihm ergeben jene Hilfe sein will, die ihn "auf die helle Seite" zieht.

Anas Abkehr auf den letzten paar Seiten ist nicht mehr als ein typischer Cliffhanger, der die Neugier auf den Folgeband bewerkstelligen soll. Denn für eine wirkliche Entwicklung der Protagonistin ist der Roman zu flach, Ana bereits zu stark als (eben doch unemanzipierte) Identifikationsfigur aufgebaut und Christian als "der schöne Prinz" zu einem Gott erhöht, dessen Schlagarm durch sein Trauma zu einer ungeschlechtlichen Sache erklärt wird.

Wie das Buch von der Leserschaft aufgenommen wird, kommt wohl darauf an, wer es in die Hände bekommt. Und bei dieser Millionenauflage ist bestimmt auch jemand dabei, der und die den Roman der Mittelalterlichkeit seiner Rollenbilder überführt.    (Nadine Kegele, Album, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

E. L. James, "Shades of Grey - Geheimes Verlangen. Band 1". Aus dem Englischen von Andrea Brandl, Sonja Hauser. € 13,40 / 608 Seiten. Goldmann, München 2012

Nadine Kegele ist Autorin und Literaturwissenschafterin.

  • Ich Tarzan, du Jane. Oder wie es in "Shades of Grey" heißt: "Ob ich das 
mag, weiß ich nicht so genau. Aber ein Blick auf ihn, und es ist mir 
egal."
    foto: apa/picturedesk

    Ich Tarzan, du Jane. Oder wie es in "Shades of Grey" heißt: "Ob ich das mag, weiß ich nicht so genau. Aber ein Blick auf ihn, und es ist mir egal."

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