Wer handelt noch mit Wehrmachtsfotos?

  • Bildtext, unkritisch übernommen: "Toter Erschossener Polnischer Heckenschütze", lautet der Text, mit dem die Fotografie im Mai 2012 angeboten wurde. Der Preis betrug 13,29 Euro.
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    foto: archiv martin pollack

    Bildtext, unkritisch übernommen: "Toter Erschossener Polnischer Heckenschütze", lautet der Text, mit dem die Fotografie im Mai 2012 angeboten wurde. Der Preis betrug 13,29 Euro.

Der Handel mit Wehrmachtsfotos ist eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete Grauzone, in der das unmenschliche Vokabular der NS-Zeit weiterlebt

Der Mann kehrt uns den Rücken zu, er liegt auf der rechten Seite, das Gesicht in den sandigen Boden gepresst. Vor ihm ragen belaubte Äste hoch, wie niedriges Buschwerk, doch bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass es sich um einen gefällten jungen Baum handelt, neben dem der Mann zu liegen kam. Der sandige Grund ist gewellt, als hätte noch vor kurzem Wasser darübergespült. Aber es ist kein Ufer, das wir hier sehen, eher eine Waldlichtung, links oben ragt der dünne Stamm einer Birke ins Bild, die schwarz-weiße Zeichnung ist deutlich auszumachen.

Der Unbekannte könnte ein Bauer sein, ein Gutsbesitzer oder Förster, er trägt feste, hohe Lederstiefel, wie jemand, der im Freien arbeitet, im Wald oder auf dem Feld. Sein Alter ist schwer zu schätzen, doch jung wirkt er nicht, so um die vierzig oder fünfzig. Oder lassen wir uns durch die Halbglatze täuschen, die wir zu erkennen glauben? Ist der helle Fleck auf seinem Haupt tatsächlich eine kahle Stelle oder bloß ein Fehler im Abzug? Bekleidet ist der Mann mit einem dunklen Rock und ebensolchen Hosen, die er in die Stiefel gesteckt hat. Er trägt keine Kopfbedeckung, doch hinter ihm liegt etwas, ein Bündel, vielleicht eine Kappe, die er achtlos fallen ließ. Wir wissen nichts über den Mann oder den Ort, nur so viel, dass die Aufnahme in Polen gemacht wurde.

Auf den ersten Blick könnten wir meinen, der Unbekannte schlafe in freier Natur, vielleicht weil er erschöpft oder betrunken ist, hingestreckt vom Alkohol. Doch dann sehen wir, dass seine Hosen zerfetzt sind, auf der Höhe des Gesäßes und in der rechten Kniekehle, etwas schimmert hell durch die Risse, Futterstoff - oder ist das sein Körper?

Der Mann ist tot. Er wurde erschossen. Das steht in der Beschreibung der Aufnahme, die ein deutscher Fotohändler, spezialisiert auf Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, im Internet verkaufte. "Toter Erschossener Polnischer Heckenschütze", lautet der Text, mit dem die Fotografie im Mai 2012 angeboten wurde. Der Preis betrug 13,29 Euro.

Wir haben mit großer Wahrscheinlichkeit ein Knipserfoto eines Wehrmachtssoldaten vor uns, möglicherweise entstanden im September oder Oktober 1939, während des deutschen Feldzuges gegen Polen. Auf der Rückseite des Abzuges steht: "Ein polnischer Hekenschütze" (sic!). Der Händler hat das fehlende c eingefügt, aber sonst den ursprünglichen Bildtext unkritisch übernommen und nur durch den Hinweis ergänzt, dass der Mann erschossen wurde.

Eine Waffe ist nicht zu sehen

Einen Beweis dafür, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um einen Heckenschützen handelt, der in Zivil, also entgegen allem Kriegsrecht, aus dem Hinterhalt auf deutsche Soldaten schoss, liefert das Bild nicht. Eine Waffe ist nirgends zu sehen. Es könnte sich genauso gut um einen arglosen Zivilisten handeln, der ermordet wurde. Vielleicht weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war, weil er einem schießwütigen Soldaten oder einem Angehörigen einer Einsatzgruppe über den Weg lief, der ihn niederknallte, grundlos. Solche Fälle hat es viele gegeben. In den ersten 55 Tagen des Angriffskrieges gegen Polen, in denen die Wehrmacht die militärische Gewalt über die eroberten Gebiete ausübte, gab es zahllose Exekutionen, in Dörfern und Städten, bei denen zehntausende Polen, Kriegsgefangene, Juden, aber auch einfache Zivilisten ermordet wurden.

Vielleicht war der Unbekannte eines dieser Opfer? Wir wissen nicht, unter welchen Umständen er zu Tode kam, ob er später gefunden und beerdigt wurde, oder ob ihn die Mörder an Ort und Stelle verscharrten, nachdem einer von ihnen zum Andenken die Aufnahme gemacht hat, die wir nun betrachten. Wir können auch nicht sagen, weshalb der Fotograf oder jedenfalls der Besitzer des Fotos (die beiden müssen nicht identisch sein) den Toten als Heckenschützen bezeichnete.

Aber solche Zuschreibungen sind bei derlei Schnappschüssen nicht selten. Oft haben sie mit der Realität wenig zu tun. Es ging darum, den Schandtaten im Nachhinein einen legitimen Anstrich zu verleihen. Aus diesem Grund wurden ermordete Zivilisten häufig zu Heckenschützen, polnischen Mördern, Partisanen, Bandenkämpfern usw. erklärt. Auch auf Fotografien. Solche Bildlegenden waren nicht zuletzt für die Betrachter zu Hause gedacht, die nicht daran zweifeln sollten, dass das Ehrenkleid des deutschen Soldaten auch im Osten stets unbefleckt geblieben war.

Aber wie kommt es, dass dieses kontaminierte Vokabular in Deutschland (und sicher auch in Österreich) noch heute Verwendung findet? Unkommentiert. Als wäre nichts geschehen, als wäre nichts dabei, sich heute, fast siebzig Jahre später, der übelsten Terminologie der NS-Propaganda zu bedienen. Nicht im privaten Gebrauch, das wäre schlimm genug, sondern im Internetshop eines großen Händlers, also quasi öffentlich. Und keiner protestiert dagegen, dass die Opfer noch im Nachhinein beleidigt werden. Der "polnische Heckenschütze" ist kein Einzelbeispiel. Mit Schnappschüssen aus dem Zweiten Weltkrieg wird ein schwunghafter Handel getrieben, nicht nur im Internet. Oft werden die Fotos mit den Originaltexten angeboten: "Gefangene Juden und Heckenschützen", "Bandenkampf, tote Partisanen", "Kaftanträger". Verkaufen sich die Aufnahmen auf diese Weise besser, lassen sich dadurch höhere Preise erzielen? Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen. Und die Händler wissen das - und nützen es aus.

Ein drastisches Beispiel für diese Haltung liefert ein weiteres Wehrmachtsfoto. Es handelt sich um einen scheinbar harmlosen Schnappschuss aus dem besetzten Teil Russlands. Das Bild zeigt ein paar junge Frauen oder Mädchen mit zwei deutschen Soldaten vor einem mit Stroh gedeckten Bauernhaus, der eine Soldat steht hinter der Gruppe, die rechte Hand vertraulich auf die Schulter eines Mädchens gelegt. Das Mädchen ist dunkelhaarig, rundgesichtig, auf eine derbe Art hübsch.

Der Soldat, einen Kopf größer als sie, lächelt. Es ist kalt, Spätherbst oder Frühjahr, man sieht keinen Schnee, doch die Frauen sind in Mäntel und Tücher gehüllt, ein im Hintergrund stehender Junge trägt eine große Mütze mit bis zu den Schultern reichenden Ohrenklappen. Das Bild wirkt nicht bedrohlich, vermutlich sind die Soldaten in der Hütte einquartiert und haben sich mit den Bewohnern irgendwie arrangiert.

Anstößiger Voyeurismus

"Russenweiber mit Wehrmacht 1944". Mit diesem Text wurde die Fotografie im Internet angeboten. Russenweiber. Dieser Ausdruck wurde von der NS-Propaganda häufig für russische Frauen verwendet. Die waren keine Frauen, deutschen Frauen vergleichbar, sondern Weiber. Slawische Untermenschen. Dementsprechend wurden sie behandelt.

Bemerkenswert ist, dass der Soldat, der im März 1944 die Aufnahme machte, etwas anderes auf die Rückseite schrieb. "Russ. Frau, März 1944", steht dort in dünner Kurrentschrift. Warum er nur Frau und nicht Frauen schrieb, wissen wir nicht. Vielleicht bezieht sich die Legende auf eine bestimmte Frau, etwa auf das rundgesichtige, dunkelhaarige hübsche Mädchen? Doch sie ist für ihn eine Frau und kein Russenweib. Erst der Fotohändler, der die Schnappschüsse aus dem Zweiten Weltkrieg an die Öffentlichkeit bringt, bedient sich der Sprache Heinrich Himmlers. Im Jahre 2012! Das passt in das Bild, das wir uns von dieser Branche machen.

Der Handel mit Wehrmachtsfotos ist eine von der Öffentlichkeit unbeachtete Grauzone, in der das unmenschliche Vokabular des Nationalsozialismus weiterlebt, ja ganz bewusst weiter gepflegt wird. Dazu kommt noch ein anstößiger Voyeurismus, gepaart mit rassistischen Vorurteilen. Das Bedrückende daran ist, dass mit privaten Kriegsaufnahmen, die massenweise im Handel auftauchen, viel Geld gemacht wird. Vor allem mit Fotos von Opfern. Juden, Polen, Russen, Zigeuner ... Je drastischer und brutaler, umso höher der Preis. (Martin Pollack, Album, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

Martin Pollack, geb. 1944, ist österreichischer Journalist, Schriftsteller und literarischer Übersetzer. Er studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte und war lange Zeit Redakteur und Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Seit 1998 ist Pollack als freier Autor tätig. Er lebt in Wien und im Burgenland. Zuletzt erschien von ihm "Kaiser von Amerika" (Zsolnay Verlag, 2010) und (gemeinsam mit Christoph Ransmayr) "Die Wolfsjäger. Drei polnische Duette" (S. Fischer Verlag 2011).

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