Lasst 100 Moscheen blühen

Blog27. Juli 2012, 18:04
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An Gebetshäusern ist eigentlich kein Mangel in der Türkei - Mit großen Prestigeprojekten will die Regierung aber vor allem in Istanbul eine neue Zeit des sichtbaren Islam starten

Wir wissen nicht, wer am Ende was gewonnen hat in Merzifon, in der nahe am Schwarzen Meer gelegenen Provinz Amasya, oder sonstwo in der Türkei, wo die "Gesellschaft zur Verbreitung der Wissenschaft" im Run-up für den Ramazan die Jugend zum Moscheegang aufgerufen hat und prima Preise versprach. Den Bedarf muss es eindeutig geben im Land mit den meisten Moscheen der Welt. Am Überangebot von Gebetshäusern, gemessen an der Zahl der Moschee besuchenden Türken, wird jedoch weiter mit Hochdruck gearbeitet.

Regierungschef Tayyip Erdogan hat zu Beginn des Fastenmonats gleich einmal eine neue Riesenmoschee im Istanbuler Stadtviertel Ataşehir eröffnet, dem Epizentrum türkischer Beton- und Wirtschaftswunderkraft auf der asiatischen Seite der Metropole. Dort soll auch das neue Finanzzentrum der Nation sein Zuhause finden. Die Mimar-Sinan-Moschee wiederum hat Platz für 10.000 Gläubige und eine Parkgarage, was in Istanbul kein Fehler ist. Vier bis fünf Moscheen in dieser Preisklasse werden in den nächsten Jahren in der näheren Umgebung noch betongegossen, so kündigte Erdogan schon vorher an. Die wirklich wichtige aber, die Moschee des Erdoganismus, soll auf einen der beiden Camlica-Hügel über Üsküdar am asiatischen Ufer gesetzt werden, allzeit sichtbar für See- und Luftfahrer und alles Volk auf dem Land, praktisch das Gegenstück zu Hagia Sophia und Blauer Moschee im europäischen Teil Istanbuls.

Ein weiterer Moscheeplan des Regierungschefs ist auf härteren Widerstand der Istanbuler Städteplaner gestoßen, aber per Gerichtsurteil souverän bestätigt worden. Der Taksim-Platz braucht eine große neue Gebetsstätte, entschieden im Juni die Richter, 100 Jahre lang ist dort schon keine Moschee mehr gebaut worden. Das Projekt auf dem Papier, das ältere Fernsehsemester ein wenig an Mondbasis Alpha 1 erinnert, ist Teil des großen Taksim-Umbaus und der bereits angerollten Zertrümmerung der alten Stadthäuser des Tarlabaşı-Boulevards, wo ein paar Shopping Malls und Luxusappartements mehr den Sündenpfuhl der Republik vergessen machen sollen.

Im direkten Moscheendichtevergleich* Istanbul 2012 steht der Stadtteil Beyoglu (mit Taksim und Tarlabaşı) dabei gar nicht so schlecht da. Genau genommen auf Platz zwei mit 2583 Einwohnern pro Moschee. Angeführt wird das Ranking natürlich vom stramm konservativen Stadtteil Fatih (329 Moscheen, 429.000 Einwohner, macht 1304 Einwohner pro Moschee). In Üsküdar, wo Tayyip Erdogan sein Privathaus hat, ist es statistisch gesehen nur ein kleines wenig enger mit 2907 Einwohnern pro Moschee. In Kadiköy - ebenfalls auf der asiatischen Seite - besteht hingegen einiger Bedarf an Nachbesserung (8045!) und auch Şişli (europäische Seite) mit seinen nur 62 Moscheen - eine für 5161 Einwohner - muss Anlass zur Sorge geben, ist allerdings schon ziemlich zugebaut.

*Zahlen sind der Tageszeitung Taraf vom 29. Juni entnommen

  • Fleißpunkte und prima Preise fürs Moschee gehen. Im katholischen Abendland gab es dafür Heiligenbilder von der Frau Lehrerin.
    foto: markus bernath

    Fleißpunkte und prima Preise fürs Moschee gehen. Im katholischen Abendland gab es dafür Heiligenbilder von der Frau Lehrerin.

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