Auf dem Weg zur Cyborghaut

Kommentar der anderen27. Juli 2012, 18:33
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Die Beschneidungsdebatte als Spiegel einer Gesellschaft, die Tradition nicht erträgt

Der Mensch existiert gewissermaßen in einer doppelten Haut: Die erste ist organischer Art, die zweite kultureller - und sie hat ihre eigenen Sensibilitäten. Durch unsere Kultur und Traditionen sind wir auf tiefste Weise geprägt, und durch ihre Vermittlung erleben wir unsere Umwelt. Wie sehr diese Prägungen unser Leben bestimmen, wie sehr wir, wenn es um unsere kulturelle Substanz geht, zutiefst verletzbar sind, das wird meist erst dann bewusst, wenn wir in einer fremden Kultur - und damit verbunden die eigene Herkunft - infrage gestellt wird.

Was an der Debatte um die Beschneidung frappiert, ist, mit welcher Respektlosigkeit das kulturelle und religiöse Selbstverständnis ganzer Bevölkerungsgruppen, das der Muslime und der Juden, attackiert wird. Mehr als in jeder Vorhautbeschneidung werden damit die Empfindungen dieser Menschen und deren Existenz beschnitten. Man ist bereit, die kulturelle und religiöse Substanz ganzer Menschengruppen zu vernichten - um der Durchsetzung eines abstrakten Prinzips willen.

Hier geht es im Gegensatz zum Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung nämlich nicht vordergründig um den Imperativ körperlicher Integrität, denn man wird nirgendwo einen Hinweis finden, dass jüdische oder muslimische Männer in ihrem körperlichen Erleben gegenüber Nichtbeschnittenen beeinträchtigt sind. Es geht um den Versuch, Menschen ihre "zweite", "kulturelle" Haut zu nehmen.

An deren Stelle soll eine abstrakt-synthetische, stromlinienförmige sowie traditionsfreie Cyborgoberfläche, wie in Almodóvars Film Die Haut, in der ich wohne treten. Was die ganze Debatte zum Ausdruck bringt, ist das Unvermögen, Traditionen, die immer auch ambivalent und schmerzhaft sind, zu ertragen. Dagegen ist die eigentliche Forderung nicht die nach körperlicher Integrität, die tausendfach mehr in unserer Schönheits-, Fitness- und Verkehrsindustrie geschändet wird, sondern die nach umfassender Kontrolle von Körper und Leben.

Diese scheint dann vollkommen realisiert, wenn gewachsene, zufällige, "fremde", in ihrer Bedeutung sich niemals vollkommen erschließende Überlieferungen und Geschichten, die unsere "zweite Haut" ausmachen, ausgelöscht sind. Resultat davon ist die perfekt virtuelle Welt, in der all das, was sich dieser Kontrolle entzieht, also zuerst der "fremde Körper", seiner Eigenheit beraubt und damit neutralisiert ist.

Letztlich ist zu diagnostizieren, dass die Beschneidungsdebatte unserer Gesellschaft eine perfekte Projektionsfläche ihres eigenen Versagens bietet: Die Forderung nach der Unverfügbarkeit und Unversehrbarkeit des Körpers ist zuerst an eine Kultur zu richten, die ihre eigenen Körper nicht mehr ertragen kann und ständig zum Verschwinden bringen muss.

Die eigentliche Provokation, welche in der muslimischen und jüdischen Vorhautsbeschneidung liegt, besteht dann wohl auch darin, dass hier ein Körper als Körper signiert wird und sich somit der Traditions- und Körperlosigkeit unserer Gesellschaft zu widersetzen wagt. Diese Provokation führt nicht zu einer Hinterfragung des eigenen Verständnisses, sondern ist scheinbar so massiv, dass man dafür sogar eine Verunmöglichung jüdischer und muslimischer Existenz in Kauf nähme. (Kurt Appel, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

Kurt Appel ist Professor für Fundamentaltheologie an der katholischen Fakultät der Universität Wien.

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