"Foreskin Man", US-Comic als Kampfmittel

27. Juli 2012, 18:25
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Studien stärken die Argumente sowohl von Gegnern als auch von Befürwortern auf der ganzen Welt

Die USA, Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der Beschneidungen: Die Weltgesundheitsorgansiation (WHO) schätzt, dass weltweit etwa 30 Prozent aller Männer beschnitten sind - in Nordamerika sind es etwa doppelt so viele.

Doch zumindest der Anteil der registrierten Beschneidungen in Spitälern sinkt kontinuierlich. Wurden nach Angaben der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde im Jahr 1980 noch 65 Prozent aller neugeborenen Buben beschnitten, sind es heute nur mehr 32 Prozent.

Gründe dafür sind nicht nur der wachsenden Anteil der Hispanics, die ihre Söhne traditionell nicht beschneiden lassen, sondern auch warnende Kampagnen und Studien. 1999 sprach sich der Verband amerikanischer Kinderärzte gegen routinemäßige Beschneidung aus: Weil die Prozedur trotz hygienischer Vorteile auch Risiken birgt, aber nichts zum Wohle des Kindes beiträgt, sollen Eltern die Entscheidung gut abwägen.

Im gleichen Jahr wurde im British Journal of Urology eine Studie veröffentlicht, nach der 17 Prozent der Beschnittenen später über Schmerzen klagten - rund die Hälfte leide unter einem geringen Selbstbewusstsein.

Debatte mit antisemitischen Tendenzen

2010 forderten Aktivisten erstmals ein Verbot und lösten eine landesweite Debatte aus, die auch antisemitische Tendenzen nicht ausließ. So entstand etwa der Web-Comic Foreskin Man, in dem ein blonder, blauäugiger Held Neugeborene vor der Beschneidung rettet, die von bärtigen, hakennasigen Rabbinern entführt werden. Der Herausgeber Matthew Hess ist einer der führenden Figuren im US-amerikanischen Kampf gegen Beschneidung. Nach eigenen Angaben versucht er, seine entfernte Vorhaut mit Klammern nachwachsen zu lassen.

In San Francisco sammelten im Vorjahr 12.000 Aktivisten Unterschriften für einen Volksentscheidung, um den Eingriff unter Strafe stellen zu lassen - auch aus religiösen Gründen. Die Initiative wurde vorerst gestoppt, eine Entscheidung des Staates Kalifornien ist noch ausständig.

Auch in anderen Ländern wird seit Jahren zum Teil heftig über ein Beschneidungsverbot diskutiert. So ist etwa in Kanada die Beschneidungsrate stark gesunken, seit die Krankenkassen den Eingriff nicht mehr zahlen. In Schweden, wo 2001 festgelegt wurde, dass die Zirkumzision nur mehr unter Betäubung und in Anwesenheit eines Arztes stattzufinden hat, protestierten Muslime und Juden gemeinsam gegen den Beschluss: Das sei die erste Einschränkung jüdischer Praxis seit der Nazizeit. Der Großteil der Beschneidungen erfolgt seitdem illegal, räumte das schwedische Gesundheitsministerium ein.

Schutz vor HIV

In vielen Ländern Afrikas empfehlen die WHO und Hilfsorganisationen hingegen die freiwillige Beschneidung im Rahmen der HIV-Prävention. Studien hätten gezeigt, dass das Übertragungsrisiko für Männer um mehr als 60 Prozent gesenkt werden könne, da sich die Viren oft an der Innenseite der Vorhaut befinden.

Im arabischen Raum und in Südkorea sind etwa 80 Prozent der Männer beschnitten. (juh, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

  • Blonder, blauäugiger Held "rettet" Neugeborene.
    foto: screenshot

    Blonder, blauäugiger Held "rettet" Neugeborene.

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