Nichte wie Sklavin gehalten - Prozess gegen Paar fortgesetzt

27. Juli 2012, 17:29
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Nichte soll gezwungen worden sein, die Wohnung mit der Zahnbürste zu putzen

Wien - Mehr als ein Dutzend Zeugen sollen im Wiener Landesgericht am zweiten Prozesstag dabei helfen, herauszufinden, ob Ruslan M. und seine Frau Malika gewissenlose Täter sind, die ihre Nichte aus Tschetschenien entführt und wie eine Sklavin gehalten haben. Oder aber die Opfer einer Familienintrige, als die sich selbst sehen.

Sicher ist, dass das Ehepaar M. im Jahr 1999 mit ihrer damals zwölfjährigen Nichte aus Tschetschenien zunächst nach Aserbaidschan und vier Jahre später nach Österreich kam. Vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Ulrich Nachtlberger stehen die beiden aber, da ihnen die Anklage vorwirft, das Mädchen gegen ihren Willen mitgenommen und bis zu ihrer Heirat in Wien geschlagen, bedroht und zur Hausarbeit gezwungen zu haben. Ein Fall von Menschenhandel, also.

Ruslan M. behauptet, sein Bruder habe in seinem Beisein den Vater, dessen Frau und eine Cousine ermordet und ihn gezwungen, das Land mit der Nichte, einer Tatzeugin, zu verlassen.

Die junge Frau schilderte dagegen, sie sei Tatzeugin gewesen - als der Angeklagte seine Verwandte tötete. Aus Angst habe sie sich all die Jahre gefügt und Schläge und harte Arbeit erduldet.

Vor Nachtlberger sagen am Freitag zahlreiche andere Flüchtlinge aus, die die Familie schon in Baku und auch später in Österreich kannten. Völlig klar wird das Bild dadurch nicht. "Ich hatte den Eindruck, es ist eine gute Familie", schildert eine ältere Dame. Ja, das Mädchen habe im Haushalt geholfen - "aber das ist bei uns normal".

Jugendfreundinnen bieten ebenso eine breite Palette an Meinungen. "Ich habe sie nie fröhlich gesehen", schilderte eine. Sie habe auch erlebt, wie das Opfer aus nichtigem Grund von Ruslan M. geschlagen worden sei.

Die Darstellung, das Kind sei zuhause quasi eingesperrt gewesen, lässt sich aber nicht bestätigen. Denn man habe sehr wohl zusammengespielt, sagt eine weitere Zeugin. "Mir ist alles normal vorgekommen." Nachtlbergers Nachfrage ergibt dann doch weniger Normales: "Ja, im Haushalt hat sie alles alleine gemacht. Ich habe einmal erlebt, wie sie mit der Zahnbürste eine Wandleiste putzen musste."

Vertagt auf September. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

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