Innenministerin trifft Kabarettistin: "Österreich ist keine Alm!"

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  • "Von Flüchtlingstradition zu sprechen, aber Asylwerber in Ghettos 
sperren zu wollen" hält Loos für keine gute Strategie. Mikl-Leitner 
findet aber, dass sich die ÖVP damit "deutlich" von der FPÖ 
unterscheidet.
    foto: der standard/hendrich

    "Von Flüchtlingstradition zu sprechen, aber Asylwerber in Ghettos sperren zu wollen" hält Loos für keine gute Strategie. Mikl-Leitner findet aber, dass sich die ÖVP damit "deutlich" von der FPÖ unterscheidet.

  • "Was finden Sie daran schlimm? Wir bitten auch in anderen Bereichen Menschen vor den Vorhang."
    foto: der standard/hendrich

    "Was finden Sie daran schlimm? Wir bitten auch in anderen Bereichen Menschen vor den Vorhang."

  • "Was gibt's bei 'Top 100 Migranten' zu gewinnen? Eine Staatsbürgerschaft vielleicht?"
 
    foto: der standard/hendrich

    "Was gibt's bei 'Top 100 Migranten' zu gewinnen? Eine Staatsbürgerschaft vielleicht?"

     

Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Migrantin Aida Loos streiten über die Saualm und Rankinglisten für Zuwanderer

STANDARD: Mehr als ein Jahr vor der nächsten Nationalratswahl schwört die ÖVP ihre Funktionäre gegen Rot-Grün ein - und warnt vor "steigendem Asylmissbrauch" sowie einem Ausbau der "Asylindustrie". Klingt doch schon wie bei der FPÖ?

Mikl-Leitner: Nein, da unterscheiden wir uns deutlich. Wir von der ÖVP bleiben unserer jahrzehntelangen Flüchtlingstradition treu: nämlich jenen Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen, diese auch zu geben. Aber auf der anderen Seite wollen wir den Asylmissbrauch bekämpfen. Denn nur dann wird von der Bevölkerung auch unsere Asylpolitik akzeptiert.

STANDARD: Ihre Familie ist einst wegen der Islamischen Revolution im Iran nach Österreich emigriert. Wie geht es Ihnen bei solchen Parolen?

Loos: Solche Parolen verhindern, dass hierzulande ein Wir-Gefühl entsteht. Denn obwohl ich seit meinem vierten Lebensjahr in Österreich lebe, also gut integriert bin, fühle ich mich dadurch irgendwie angesprochen. Ich glaube auch nicht, dass es die richtige Strategie ist, einerseits von einer Flüchtlingstradition zu sprechen und andererseits Asylwerber im nächsten Atemzug in Ghettos sperren zu wollen.

STANDARD: Sie beklagen jetzt, unter Rot-Schwarz, dass viele Asylwerber nicht untergebracht werden können, wollen sie in Kasernen stecken. Warum sollte es unter Rot-Grün schlimmer kommen?

Mikl-Leitner: Wenn man vor allem die grüne Politik verfolgt, kann man sehen, dass da keine Differenzierung erfolgt. Da heißt es quasi: "Egal, aus welchen Gründen, kommt nur herein in die Republik!" Aufgrund der aktuellen Situation in Syrien müssen wir uns aber gerade jetzt auf mögliche neue Flüchtlingsströme nach Europa vorbereiten. Denn wir hatten bei den syrischen Asylwerbern schon 2011 einen Anstieg um 144 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Daher auch mein Vorschlag, die Menschen in leerstehenden Kasernen unterzubringen. Es ist wichtig, dass man ihnen Schutz gibt, ein Dach über dem Kopf bietet und sozialpsychologische Betreuung zukommen lässt. Deswegen auch meine Bitte an den Verteidigungsminister, die Möglichkeit einer Unterbringung zu prüfen.

STANDARD: In der "Sonderbetreuungsanstalt" auf der Kärntner Saualm sind Asylwerber auf 1600 Metern sich selbst überlassen - ohne ausreichendes Essen und psychologische Betreuung, dafür von Rottweilern und Sicherheitskräften bewacht. Ist es als Innenministerin nicht hoch an der Zeit, sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen?

Mikl-Leitner: Es gibt konkrete Verträge des Bundes mit den Bundesländern - und die Länder tragen hier die Verantwortung.

Loos: Gerade haben Sie gesagt, dass sie Asylwerbern Schutz bieten wollen. Und gerade am Beispiel Saualm kann man durchhören, dass es hier offenbar eher darum geht, den Österreichern Schutz vor den Asylwerbern zu bieten. Dort werden Menschen bewusst isoliert. Dort finden sie nicht die Gesellschaft vor, in der sie sich später vielleicht einmal zurechtfinden müssen. Österreich ist keine Alm!

STANDARD:Und offensichtlich hält sich Kärnten nicht an die von Ihnen erwähnte 15a-Vereinbarung des Bundes mit den Ländern, wonach Asylwerbern auch Verpflegung und medizinische Versorgung zu gewährleisten ist. Haben Sie nicht schon erwogen, die Saualm schließen zu lassen?

Mikl-Leitner: Woher wissen Sie konkret, dass die Menschen nicht ausreichend verpflegt werden?

Loos: Die Zeitungen sind voll davon.

STANDARD: Dazu wurden Zeugen zitiert, die auf der Alm beschäftigt waren.

Mikl-Leitner: Ich habe noch keinen Hinweis erhalten, dass man dort zu wenig zu essen bekommt. Aber ich werde mit Kärnten Kontakt aufnehmen.

STANDARD:Wenn Sie sich von den Vorwürfen überzeugt haben, würden Sie Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) denn eine Schließung nahelegen?

Mikl-Leitner: So ist es. Wenn die Voraussetzungen für Asylwerber dort nicht gegeben sind, die Bedingungen menschenunwürdig sind, dann kann man das niemandem zumuten. Sollte dem so sein, muss eine derartige Einrichtung selbstverständlich geschlossen werden.

STANDARD: Ihr erstes aktuelles Soloprogramm als Kabarettistin heißt " Hartes Loos". Wo zeigen die Einheimischen noch gern Härte, bei der einem das Lachen vergehen kann?

Loos: Mein Programm zielt vor allem auf mein Leben als persische Schauspielerin in Wien ab - und das ist nicht immer lustig. Vor allem, weil einem oft nur Klischee-Rollen angeboten werden.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Loos: Von der unterdrückten türkischen Ehefrau bis zur Terroristin. Eigentlich habe ich mich hier nie als Fremde gesehen - meine Erinnerungen ans Leben beginnen mit dem Flug von Teheran nach Wien. Aber nach meiner Schauspielausbildung habe ich bemerkt, dass ich den Faktor Migrationshintergrund unterschätzt habe. Man besetzt mich nicht als verliebtes Mädchen. Nein, dann muss es schon eine verliebte Perserin sein. Den Regisseuren fehlt die Fantasie, mich anders zu besetzen. Dabei singe ich in meinem Kabarett bewusst ein Lied von Cissy Kraner - auch weil ich mich dafür verantwortlich fühle, das alte Wienerisch nicht aussterben zu lassen.

Mikl-Leitner: Wenn das stimmt, ist das eine Alltagsdiskriminierung - und traurig, dass es vorkommt. Haben Sie jemals einen Regisseur gefragt, warum genau Sie eine Rolle nicht bekommen haben?

Loos: Natürlich. Als ich einmal für eine Rolle als junge Mutter abgelehnt wurde, hat mir der Regisseur gesagt: "Ihr Gesamteindruck ist mir eine Spur zu exotisch!" Zuerst habe ich mich gefragt: "Was heißt zu exotisch?" Aber mein Gott, ich bin doch keine Mango! - Ähnliches ist übrigens bei der neuen ORF-Serie CopStories passiert, die vom Polizeialltag in Ottakring handeln soll: Auch da habe ich eine Absage für die zwei weiblichen Hauptrollen mit Migrationshintergrund bekommen. Auf der Besetzungsliste stehen jetzt bis auf einen türkischen Schauspieler nur Österreicher.

STANDARD: Der ORF wirbt derzeit aber gerade damit, dass die Cops türkische und bulgarische Herkunft haben?

Mikl-Leitner: Glauben Sie wirklich, dass auch das mit Ihrem Migrationshintergrund zu tun hat?

Loos: Ja. Der ORF wagt sich zwar vorsichtig an das Migrationsthema heran, nimmt dafür aber dann doch lieber die österreichischen Schauspieler, die dunkle Haare haben. Warum traut man uns Migranten das nicht zu? Der ORF traut doch sogar einem Schäferhund eine Hauptrolle zu.

Mikl-Leitner: Aber es gibt doch auch eine Arabella Kiesbauer (Moderatorin, Anm.), die ist doch das beste Beispiel dafür, dass es sehr wohl geht.

Loos: Das ist ein Beispiel, ja. Wenn man in Wien aber einmal die Straße hinauf und hinunter geht, sieht man, dass ein Drittel der Menschen nicht aus Österreich stammt. Im Fernsehen spiegelt sich das bis heute nicht wider.

STANDARD: Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) predigt ständig, dass es Zuwanderer nach ganz oben schaffen können, wenn sie Deutsch sprechen und fleißig sind. Ein allzu einfacher Ansatz?

Mikl-Leitner: Ob mit oder ohne Migrationshintergrund - ich glaube, dass einem im Leben gar nichts einfach gemacht wird. Deswegen auch die Idee von Sebastian Kurz, zu zeigen, dass es unter den Migranten viele tolle Männer und Frauen gibt, die hier nicht ihre Wurzeln oder vielleicht eine dunklere Haut haben. Es geht darum, genau diese Menschen vor den Vorhang zu bitten, um positive Beispiele von Integration aufzuzeigen.

Loos: Als ich das erste Mal von Kurz' Aktion, die "Top 100 Migranten" vorzustellen, gehört habe, dachte ich: "Ist das eine Castingshow? Und was gibt's da zu gewinnen? Eine Staatsbürgerschaft vielleicht?" Jetzt im Ernst: Dazu muss ich Ihnen sagen, dass das schon wieder einer Abgrenzung gleichkommt. Warum erscheinen diese Menschen nicht in normalen Listen? An den Schulen wird den Kindern nun etwa eine Mirna Jukic präsentiert, nach dem Motto: "Schaut, die hat es als Schwimmerin geschafft!" Bei mir damals wäre das aber so angekommen: "Wenn du es nicht schaffst, bist du selbst schuld! Dann hast du versagt." Denn die Mehrheit der Zuwanderer besteht nicht aus Ausnahmetalenten, die besteht aus Hassan Normalverbrauchern.

Mikl-Leitner: Was finden Sie daran wirklich so schlimm? Es gibt doch auch andere Bereiche, bei denen wir Menschen vor den Vorhang bitten. Etwa in Bezug auf ehrenamtlichen Tätigkeiten, wenn sich jemand bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert ...

Loos: Ja, auch da sollen junge Migranten nun zur Freiwilligenarbeit motiviert werden - und das, obwohl in Kärnten und in der Steiermark Nicht-EU-Bürger erst seit kurzem gnädigerweise zur freiwilligen Feuerwehr dürfen.

Mikl-Leitner: Stimmt. Die Änderung ist aber immerhin auf einen Vorstoß von Sebastian Kurz zurückzuführen.

Loos: Übrigens: Als ich ihn zu meinem Kabarett eingeladen habe, hat Kurz abgesagt. Mit der Begründung, dass er verhindert sei. Faktum ist, er war nicht da - obwohl der Staatssekretär an dem Abend viel Information über Integration bekommen hätte können.

Mikl-Leitner: Ich verspreche Ihnen: Er wird das ganz sicher nachholen.

Loos: Inschallah.

STANDARD: Zu guter Letzt: Was ist eigentlich die schlimmste Untugend der Österreicher im Ausland?

Loos: Dass viele gleich als Erstes wissen wollen, wo man genau herkommt. In den USA etwa gilt diese Frage fast als unangebracht. Als ich vor kurzem in New York an einer Schauspielschule erklärt habe, dass ich aus Wien bin, bohrte nur einer nach, wo ich wirklich genau herstamme. Er war ein Österreicher.

STANDARD: Und was finden Sie an den eigenen Landsleuten gelegentlich zum Genieren?

Mikl-Leitner: Bei meiner Thailand-Reise hat sich gezeigt, wofür man sich wirklich schämen muss: Dort habe ich gerade ein Polizeikooperationsabkommen unterschrieben, weil nicht wenige Österreicher nach Thailand fliegen, um dort Kinder sexuell zu missbrauchen. Doch da muss es Nulltoleranz geben. Der Arm des österreichischen Gesetzes greift jetzt bis nach Thailand. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

Aida Loos (31) alias Aida Hossein, geboren in Teheran, kam mit viereinhalb Jahren nach Wien. Wegen der Islamischen Revolution im Iran machte ihre Familie in Österreich 1985 einen Neuanfang. Die studierte Hotel- und Tourismusmanagerin legte sich nach ihrer Schauspielausbildung ihren Künstlernachnamen zu. Loos spricht fünf Sprachen, nämlich Deutsch, Englisch, Französisch, Holländisch und Persisch. Als Kabarettistin feierte sie im Juni mit ihrem ersten Soloprogramm Hartes Loos Premiere.

Johanna Mikl-Leitner (48), geboren in Hollabrunn, studierte Wirtschaftspädagogik in Wien. Mitte der Neunziger übernahm sie die Marketingleitung der Volkspartei Niederösterreich und stieg später zur Landesgeschäftsführerin auf. 1999 zog Mikl-Leitner als Nationalratsabgeordnete zum zweiten Mal nach Wien, 2003 holte sie ihr Mentor, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, als Landesrätin für Soziales zurück. Unter Parteichef Michael Spindelegger wurde sie mit April 2011 zur Innenministerin befördert.

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