Über die Pyrenäen, durch das Telegrafenamt

  • Der ostdeutsche Film- und Theaterstar Jutta Hoffmann schlüpft ab Dienstag, 31.7.,  in die Rolle der Jahrhundertwende-Muse Alma Mahler. Der Text des Dramas stammt von Joshua Sobol.
    foto: olivia weigelt

    Der ostdeutsche Film- und Theaterstar Jutta Hoffmann schlüpft ab Dienstag, 31.7., in die Rolle der Jahrhundertwende-Muse Alma Mahler. Der Text des Dramas stammt von Joshua Sobol.

Jutta Hoffmann spielt in Joshua Sobols und Paulus Mankers Polydrama "Alma" die Femme fatale der Wiener Moderne

Dabei entstammt sie kraft Herkunft und Karriere dem Dunstkreis der "wahren" Brecht-Erben.

Wien - Es führt ein weiter Weg von Potsdam nach Wien. Hier, im alten Post- und Telegrafenamt am Wiener Börseplatz, gibt Schauspielerin Jutta Hoffmann ab Dienstag, 31. Juli, die Figur der Alma Mahler in Paulus Mankers polydramatischem Bilderbogen Alma (Beginn: 20.15 Uhr). Wer das verfallene Riesenpalais als Zuschauer betritt, hat sich aus den angebotenen Szenen sein eigenes Menü zusammenzustellen.

Jutta Hoffmann betritt Neuland. Die kleine, zarte Dame trippelt an Kübeln voller Topfpflanzen vorüber. Die schwüle Atmosphäre der Wiener Jahrhundertwendekultur drückt schwer auf die Schauspielerin aus Ostdeutschland. Sie habe Manker/Sobols Alma-Spektakel vor Jahren in Purkersdorf gesehen: "Die polydramatische Anlage hat mich als Zuschauer damals mehr irritiert als heute, als Schauspielerin", sagt Hoffmann: " Ich wusste nicht recht, wohin ich mein Interesse lenken sollte. Mit welcher Figur ich mitgehen sollte, warum mit der einen und nicht mit der anderen." Hoffmann durchquert ein riesiges Zimmer, in dem dutzende weißlackierter Spitalsbetten herumstehen.

Was kann einen Film- und Theaterstar der verflossenen DDR an der Übermutter der Wiener Moderne interessieren? "Die Figur ist vielleicht gar nicht so schwer zu verstehen", antwortet Hoffmann trocken. Aus ihren Worten spricht Handwerksstolz. Hoffmann brillierte in Defa-Filmen. Sie spielte am Gorki-Theater und am Berliner Ensemble. Anfang der 1980er-Jahre eroberte sie auch den Westen.

Hoffmann setzt sich auf eine rotbespannte Couch. Ganz klein wirkt sie auf dem riesigen Sitzmöbel. Alles in Paulus Mankers Alma-Theater hat die Größe XXL.

Hoffmann sagt: "Ich bin in den Stoff nicht so emotional involviert wie vielleicht die Österreicher. Ich kann ihn von der Ferne betrachten: Hier haben wir eine Person, die in ihren Jugendtagebüchern eine ausgesprochene Bildung an den Tag legt, die ein Gespür für Qualität besitzt, wie man heute sagen würde. Sie ist zudem ausgebildete Pianistin und komponiert auch. Was macht eine solche Person in einem Zeitalter, in dem von Emanzipation so gar nicht die Rede ist?"

Die historische Alma wird zur Muse von Mahler, von Walter Gropius, Oskar Kokoschka und Franz Werfel. "Als sie sich mit diesen Männern einlässt, sind das noch nicht die großen, mythenumrankten Namen." Aber Alma habe Gespür besessen, sagt Hoffmann. Und: "Frauen widerfährt solch ein Schicksal - das der Muse für Männer - häufiger. Es gab in der DDR die Autorin Brigitte Reimann, die wunderbare Tagebücher geschrieben hat. Kürzlich wurde ein Film über sie gedreht. Was glauben Sie, wovon der handelte? Nur von den Männern, mit denen sie etwas hatte. Das macht wohl nicht das Zentrum dieser Person aus!"

Hoffmann sagt, dass Alma auf der Flucht vor den Nazis mit ihrem Mann Franz Werfel zu Fuß über die Pyrenäen marschiert sei. "Exil war etwas Kostspieliges", fügt sie hinzu. Damit hat Jutta Hoffmann vielleicht sogar etwas über sich selbst ausgesagt.

Jugend in Sachsen-Anhalt

Sie sei in ihrer Jugend aus Sachsen-Anhalt nach Berlin gekommen, erzählt Hoffmann: "Ich hatte schon mit 15 das Buch über Brechts Modellaufführungen am BE gelesen. Es ist mir schleierhaft, wie das in unseren Haushalt gekommen war, aber es hatte mich sofort in seinen Bann gezogen."

Hoffmann kam in Berlin bald mit Heiner Müller und B. K. Tragelehn in Berührung: "Meine Sicht auf die Kulturpolitik dieser DDR war eindeutig: Das, was die da veranstalten, ist nicht das, was getan werden müsste." Hoffmann spielte in Schleefs/Tragelehns berüchtigter Aufführung von Fräulein Julie am BE. "Schleef nahm den grauen Bodenbelag heraus, der noch von Brecht stammte. Darunter war dieses schöne Holz ..." Ja, sagt Jutta Hoffmann: Müller und Schleef seien damals, in den 1970ern, die illegitimen Brecht-Erben gewesen. Fräulein Julie wurde verboten. Hoffmann wurde in den 1980ern im Westen zum Star.   (Ronald Pohl

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14 Postings

geile theater nacht ...ich habs genossen

Wieso gibt es keine Live-Musik mehr???
Die Jungs der Klezmer-Band der letzten Jahre waren einfach genial!

Dass sie sich das antut!

Die Dame war offenbar nicht richtig informiert....

Nun, es wird sich doch, nach immerhin ca. 20 Jahren Reprisen

in der deutschsprachigen Schauspielerwelt herumgesprochen haben, daß der Manker kein Einfacher ist...?

Ich glaube eher

in Deutschland kräht kein Hahn nach dem.

da irren, Cavallo!

Im übrigen gings bei meinem post um die Buschtrommel in Schauspielerkreisen.

Sehr geehrter Herr Doktor

da haben Sie wohl recht. "Kein Einfacher", so zurückhaltend und nobel hat sich noch nie jemand über Besagten ausgedrückt.

Da Jener seine Wesensart mutigerweise in der Regel nur Untergebene spüren lässt, wird es der guten Dame nicht so übel gehen im Telegraphenamt...

nochwas:

Die Susi Nicoletti hat ihn schon immer wieder einmal beschützt, sogar gegenüber der Polizei. Ich glaub aber, seine Mutter hat er nicht dazu motivieren können, die Alma zu geben...

Und beißen tut er durchaus auch nach oben (Siehe die Klobesenempfehlung an Mailath-Pokornys z. B.)

Ich hab ihn im persönlichen Umgang teils - wegen nix - als am Rande des Wahnsinns, teils aber auch völlig aufgeräumt, locker und entspannt, geradezu sonnig, erlebt.

Ein Mann der Extreme. Und als Schauspieler (wenn er richttig drauf is) ein Ereignis.

Also, die Dame (eine wirkliche Dame!), die die alte Alma voriges Jahr in Prag gespielt hat,

eine Frau Prohasková, glaub ich (die u. a. am Schwarzen Theater bei internationalen Auftritten die Texte gesprochen hat), hat - sehr ähnlich übrigens auch bei einem TV-Interview, deshalb traue ich mich das zu schreiben - mir nach der Aufführung gesagt (auf meine Frage, wie sich bei dieser Art von Theater Proben gestalten) "Proben? Das waren keine Proben. Also, ich wundere mich,wieso Herr Manker noch nicht in einer Anstalt verschwunden ist".

Wie auch immer, die Aufführungen sind faszinierend. Und tatsächlich immer ein bissl anders.

Naja

Sie hat ihren Arsch ja nicht in Nutella, würd ich sagen

bitte um Erläuterung/Erklärung dieser für mich sehr vergnüglichen, aber nicht ganz verständlichen Metapher!

Sie lasen eine sogenannte Balottelata(?)

Ein von Mario Balotelli (ital. NAtionalteamkicker), bis dahin noch nicht existenter, Ausspruch, der allgemein für Verwunderung und Belustigung sorgt, aber wohl irgendwo an einer beschreibenden Wahrheit vorbeikratzt.

In diesem Fall, Frau Hoffmann ist ja auch keine Prinzessin auf der Erbse, sie hält auch ein bisschen was aus, man muss sie nicht immer mit Samthandschuhen anfassen....

Danke und *ggg*

Also, ich halt mich dann lieber an die Burrata...

sitzt man übrigens auch weich drauf.

:-)))

Wirklich großartig, daß Hoffmann in Wien spielt!

Eine große Dame des Theaters!

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