Kreativitätsquelle: Interkulturelle Kompetenz

30. Juli 2012, 09:57
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Interkulturelle Kompetenz wird nicht nur durch internationale Mobilität, Bildungs- und Trainingsmaßnahmen vermittelt, sondern auch in vielfältigen Migrationserfahrungen erworben

Wenn man Kultur als Orientierungssystem versteht, werden die Parallelen von Kreativität und interkultureller Kompetenz deutlich: In beiden Fällen geht es um einen neuen Blick auf gewohnt Selbstverständliches, um das Loslassen von Vertrautem sowie um das kommunikative Aushandeln neuer Bewertungen und Praktiken - Fähigkeiten, die besonders im Berufsleben immer stärker gefordert werden.

In der Bildungsmobilität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden Ziele und Inhalte interkulturellen Lernens seit langem realisiert und münden vielfach in spezielle Berufskarrieren und ungewöhnliche Lebensläufe, die oft Innovationen hervorbringen.

Auch in meiner Berufspraxis in der Organisationsberatung und in Führungs(nachwuchs)programmen treffe ich immer häufiger auf junge Menschen mit internationalen Lebensläufen, bedingt durch Mobilität der Herkunftsfamilie, durch internationale Ausbildungsgänge oder durch Arbeitseinsätze im Ausland.

Diese Erfahrungen sind freiwillig, oft selbst initiiert und damit positiv konnotiert - nur wenige Menschen würden sie als belastende Hypothek im Lebenslauf ansehen.

Interkulturelle Erfahrungen und Kapazitäten aufgrund von Migrationserfahrungen der eigenen Person oder der Herkunftsfamilie werden dagegen meist als leistungsmindernd angesehen. Zunächst erscheint dies nachvollziehbar, da solche interkulturellen Biografien in der Regel aus Verfolgung, Bedrohung, wirtschaftlicher Not oder (in der zweiten Generation) aus familiärer Zugehörigkeit und Zuschreibungen des sozialen Umfeldes geboren, mithin also nur bedingt selbst gewählt wurden.

Nichtsdestotrotz erfordern auch solche Lebensläufe die ständige Bewältigung von Ambiguität und Diversität unterschiedlicher Normen- und Wertesysteme. Bedeutsam sind dafür drei Dimensionen kultureller Intelligenz (Plum, Achen, Dræby & Jensen, 2008) mit direktem Bezug zur Kreativität:

  • Interkulturelles Engagement, die Motivation, andersdenkende und -fühlende Menschen zu verstehen, von ihnen verstanden zu werden und gemeinsame Ergebnisse zu erzielen, die emotionale Reife und mentale Flexibilität, die eigen- und anderskulturellen Vorstellungen zu hinterfragen, sowie der Mut, sich durch die interkulturelle Begegnung verändern zu lassen.
  • Kulturelles Verständnis, die Sensibilität für kulturelle Einflüsse in der Situation sowie die Flexibilität, sie aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven zu betrachten, und die Fähigkeit, situationsspezifische Lernerfahrungen in andere Kontexte zu übertragen.
  • Interkulturelle Kommunikation, die Fähigkeiten, den kulturellen " Autopiloten" vorübergehend abzuschalten und die Orientierung im Zusammenspiel mit dem Gegenüber anlassspezifisch auszuhandeln - dabei nötigenfalls auf die Meta-Ebene zu wechseln, ungewohnte Handlungsweisen auch jenseits von Peinlichkeitsgrenzen zu erproben sowie beharrlich zu bleiben und die Situationspotenziale im Auge zu behalten.

Wenn junge Menschen mit Migrationshintergrund in ihrem Umfeld integriert sind, haben sie diese Kompetenzen in hohem Maße entwickelt, selbst wenn ihre "offizielle" Bildungsbiografie es nicht unbedingt ausweist.

Personalverantwortliche sollten dies bei Einstellungsentscheidungen berücksichtigen - sie haben es in der Hand, auch dieses interkulturell bedingte Kreativitätspotenzial in ihrem Unternehmen wirksam werden zu lassen. (Ulrich Zeutschel, DER STANDARD, 28./29.7.2012)

Ulrich Zeutschel ist Seniorberater der osb international in Hamburg und ehrenamtliches Vorstandsmitglied von AFS Interkulturelle Begegnungen e. V. An der Universität Regensburg hat er das Forschungsprojekt " Interkulturelle Synergie in Arbeitsgruppen" geleitet.

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